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Pressemitteilung der Evangelischen Akademie im Rheinland

Die Verletzlichkeit des Menschen ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu

Podiumsdiskussion in Bonn mit dem Kölner Tatort-Pathologen Joe Bausch zu Bildern vom Menschen im Kriminalfilm und in der Medizin

(Bonn, 15.9.2016) „Den Tod können wir zeigen, aber Angst vor dem Tod und Verletztheit sind tabuisiert“. Dieses Resümee zog der Mediziner Joe Bausch, der im Kölner „Tatort“ den Pathologen darstellt, gestern in Bonn bei einer Diskussion über Bilder vom verletzlichen Menschen in Kriminalfilm und in der Medizin. Nicht umsonst habe die ARD 2014 entschieden, den Tatort „Franziska“, in dessen Zentrum die grausame Geiselhaft von Tatort-Assistentin Franziska Lüttgenjohann stand, zur ungewohnten Sendezeit, erst nach 22 Uhr, auszustrahlen.

Diese Feststellung gelte aber nicht nur für das Genre des Fernseh-Krimis, sondern auch für den Alltag: „Wir sind eine Gesellschaft, in der wir Verletzlichkeit nicht ausstellen, solange es keine klinische Diagnose gibt.“ Erst mit der Diagnose werde sie zum Thema. Doch auch dann würden die Betroffenen häufig dafür geschützte Orte suchen, z.B. Selbsthilfegruppen.

Die andere Gesprächspartnerin von Dr. Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, an diesem Abend war Dr. Tatjana Schröder, Oberärztin in der Chirurgie des Bonner Johanniterkrankenhauses. In ihrem Krankenhausalltag macht sie dieselben Beobachtungen. Es sei wichtig, bei Patienten in existentiellen Situationen - vor oder nach einer Operation oder bei einer schwerwiegenden Diagnose - die empfundene Gefährdung und Verletzlichkeit anzusprechen. Hier leiste das Arzt-Patienten-Gespräch einen wichtigen Beitrag, um den Patienten aufzufangen. Wichtig sei aber auch die Unterstützung durch die Angehörigen: „Jeder, der alleine ist, leidet mehr“.

Auch Bausch bezeichnete die Einsamkeit und die Vereinzelung der Menschen als eine dauernde Wunde unserer Gesellschaft: „Vieles wird nicht mehr in der Gemeinschaft erlebt, jeder lebt mit seiner Angst alleine.“ Bei dem Einzelnen bestehe die Angst, in Gefahr oder Not unbeachtet zu bleiben. Es gebe das Gefühl: „Da guckt keiner mehr“.

Dieses Gefühl und die eigene Angst vor Verletzung hält er für eine der Ursachen des derzeitigen Krimi-Hypes in den Fernsehsendern. „13.000 Menschen werden virtuell auf allen Kanälen umgebracht, in realen Leben sind es 2.000.“ Das Genre Krimi bediene als Seismograph der Gesellschaft die Angstlust und Kriminalitätsfurcht unserer Gesellschaft.

Gleichzeitig nähmen auch Arztserien und Serien in den Sendern zu, die die Selbst-Optimierung des Menschen zum Thema hätten. Der Hype beider Formate habe dieselbe Wurzel, die Angst alt werden zu müssen und sterben zu müssen. Beide Genres wenden sich gegen das Unbeherrschbare: „Wir möchten alle Gefährdungen ausschließen“. Das ist aber nur begrenzt möglich: „Wir hätten gerne eine Sicherheit, die man de facto nicht haben kann.“

Bausch verwies dabei auf seine Erlebnisse in Afghanistan oder in der Justizvollzugsanstalt in Werl, wo er seit 1986 als Anstaltsarzt arbeitet. „Unter meinen Knastpatienten sind ehemalige Kindersoldaten aus Afrika und Menschen, die die Tschetschenienkriege erlebt haben und bis heute Medikamente brauchen, um die Bilder von diesen Erlebnissen ertragen zu können.“ „Menschen, die andere verletzt haben, sind selber oft hoch verletzlich“, so Bausch.

In unserer Gesellschaft sinke die Schmerzgrenze immer mehr: „Das, was wir bereit sind auszuhalten, wird immer weniger“. Es gebe eine Befindlichkeitskultur genauso wie den Anspruch, ein Recht auf Gesundheit und Heilung zu haben. Dies bestätigte auch Schröder aus dem Klinikalltag. Häufig gebe es von Patienten und Angehörigen bei Komplikationen Vorwürfe an die Ärzte. Dazu trage auch die häufig kommunizierte These von der Zwei-Klassen-Medizin bei. „Diese Zwei-Klassen-Medizin ist aber nur Wahrnehmung, nicht Realität“, so Bausch.

Andererseits würden im realen Leben Unfälle und Katastrophen zum Spektakel, bei dem Passanten selbst Sterbende mit dem Handy filmen. Er könne das Opfer-Gedenken mit Blumen, Kerzen und Teddybären nicht mehr ertragen, so Bausch, denn „97 Prozent aller Gewaltdelikte waren absehbar“. Er forderte dazu auf, im Vorfeld aktiv zu werden: „Guckt hin“.

Die Podiumsdiskussion war der dritte von insgesamt vier Abenden der Veranstaltungsreihe „Ecce Homo – Der verletzliche Mensch“. Im Zentrum steht die Frage: Wird die Würde des Menschen vielleicht gerade in seiner Verletzlichkeit sichtbar?

Auf der Suche nach Antworten lädt "Ecce Homo" zur Begegnung mit bildender und darstellender Kunst, mit Poesie, aber auch mit der Medizin ein. „Ecce Homo“ ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie im Rheinland, des Evangelischen Forums Bonn und des Katholischen Bildungswerks Bonn.

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Hella Blum
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hbl/ga / 15.09.2016



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