Dialog des Lebens
Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger und bunter im Hinblick auf Herkunft, Kultur und Religion. Wer z.B. hier in Bonn einen Einkaufsbummel macht, sieht das sozusagen schon im Vorübergehen: Ihm begegnen Menschen aus Südeuropa, aus der Türkei, aus Afrika oder Indien oder aus Asien, um nur einige Beispiele zu nennen: ein erster Blick genügt, um diese Vielfalt im Straßenbild zu erkennen.
Vielfalt der Kulturen in einer globalisierten Welt:
Ein gutes Miteinander bedarf des Austausches und der gegenseitigen Achtung
Wir müssen lernen, diese Vielfalt der Kulturen als selbstverständlich anzunehmen. Wir müssen miteinander kommunizieren und uns gegenseitig achten und respektieren. Dazu brauchen wir ganz notwendig das Wissen vom anderen, von seiner Kultur, seiner Religion, seiner Herkunft. Aber wir brauchen auch die Bereitschaft, sich in den anderen einzufühlen, einen Dialog des Herzens zu führen. Man muss begreifen, dass die Gefühle des anderen oft auf ganz anderen Erfahrungen beruhen und auf ganz anderen Traditionen, als man sie selbst hat. Zum Beispiel: Religion ist in Europa mit Institutionen verbunden, man ist Christ und in einer bestimmten Kirche zusammen mit anderen Christen. Aber in vielen anderen Kulturen bedeutet Religion so etwas wie die Luft zum Ein- und Ausatmen.
Akademiearbeit trägt mit interkulturellen und interreligiösen Themen zum besseren Verständnis bei
Mit unserer Arbeit im Bereich Interreligiöser und interkulturellen Dialog möchte die Akademie einen Beitrag zu einem besseren Verständnis untereinander leisten. Dabei setzen wir besondere Akzente:
Alle unsere fünf Themenbereiche – Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur und interreligiöser Dialog, betonen den Bezug zur Lebenswirklichkeit. Bei meiner Arbeit wird mir immer wieder sehr bewusst, dass die Akademie ein Ort des Dialogs von Glauben und Leben sein muss. Deshalb wähle ich für meine Tagungen meist Themen aus, die direkt an unser Alltagsleben anknüpfen oder existentielle Fragen berühren.
Dialog des Lebens: Themen, die direkt an unser Alltagsleben anknüpfen
oder existentielle Fragen berühren - Einige Beispiele
Was heißt das konkret? Ich möchte ein paar Beispiele nennen:
Europäisch-ökumenische Sommerakademie 2008: Was ist uns heilig?
2008 hat in der Akademie eine generationsübergreifende europäisch-ökumenische Sommerakademie stattgefunden. „Was ist uns heilig?“ war das Thema dieser Woche. Dabei ging es um Fragen wie „Welche Werte sind mir wichtig?“, „Welche Werte sind für ein friedliches Zusammenleben in Europa nötig?“ Um einen eigenen Standpunkt zu finden oder den eigenen Standpunkt zu überdenken, haben wir Vorträge und kreative Arbeit miteinander verknüpft. So gab es z.B. eine Schreibwerkstatt. Wichtig war aber auch der europäisch-ökumenische Akzent: persönliche Erfahrungsberichte aus anderen christlichen Kirchen - aus der Waldenserkirche in Italien, der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in der Tschechischen Republik und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland. Sie haben unseren Blick erweitert hin auf das europäische und ökumenische Umfeld.
Der interkulturelle und interreligiöse Blick auf das Thema - unverwechselbares Kennzeichen
der Europäischen Frauen-Sommeruniversitäten
Dieser interreligiöse und interkulturelle Blick zeichnet auch die Europäischen Sommeruniversitäten für Frauen aus, die ich seit 1996 in unregelmäßigen Abständen an der Akademie anbiete. Die Sommeruniversitäten richten sich an alle interessierten Frauen, gleich welchen Alters oder welcher beruflichen Herkunft. Gerade diese Mischung macht den Austausch für die Teilnehmerinnen interessant. Der Titel „Sommeruniversität“ leitet sich daraus ab, dass wir gemeinsam die alte universitäre Tradition des Fragens und Antwortens miteinander praktizieren.
Im Zentrum steht jeweils ein geistig-religiöses Thema, das an das Alltagserleben der Frauen anknüpft. Es wird aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Dabei ist der interkulturelle und interreligiöse Vergleich ein unverwechselbares Kennzeichen der Frauen-Sommeruniversität.
Frauen-Sommeruniversität 2010: Weibliche Erinnerungskultur:
aus gesellschaftlicher oder ganz persönlicher Sicht
2010 ging es um weibliche Erinnerungskultur. „Mache dich auf meine Freundin…!“ habe ich diese Woche überschrieben. Wir haben Erinnerungen aus der spezifischen Lebenswelt von Frauen wieder lebendig werden lassen, die in der lange Zeit überwiegend von Männern bestimmten Gesellschaft unterbewertet oder sogar vergessen wurden. Soweit der politische Aspekt. Hinzu kam die Bedeutung für die persönliche Biographie: Sich an gute oder schlechte Ereignisse aus der persönlichen Lebensgeschichte ist für die einzelne Frau heilsam. Erinnerung hilft, Schönes zu bewahren ebenso wie Belastendes hinter sich zu lassen.
Das hat auch Marie Nejar erfahren, die in den 50er Jahren als Schlagersängerin unter dem Künstlernamen Leila Negra Karriere machte. 2007 veröffentlichte sie ihre Autobiographie über ihre Kindheit als farbiges Mädchen in NS-Deutschland und ihre Zeit als Künstlerin. Marie Nejar wirkte als Referentin bei der Sommerwoche 2010 mit. Das Gespräch mit ihr war für die Teilnehmerinnen bereichend – ebenso wie der Austausch mit den Referentinnen au Osteuropa, die einen Einblick gaben in die Erinnerungsarbeit mit Frauen aus Polen und aus Russland.
Heilsame Rituale bei Tod und Trauer
Oder, ein anderes Beispiel für diesen Dialog des Lebens: Immer weniger Menschen auf feste Rituale beim Tod eines Angehörigen zurückgreifen können und sie das schmerzhaft vermissen. Ich glaube, dass es in einem Todesfall heilsam ist, in feste und vorgegebene Formen und Abläufe eingebettet zu sein. Gelebte Trauer verbindet die Menschen. In der westlichen Welt vermisse ich eine angemessene Trauerkultur. In meiner Heimat Korea wird der Tod – sei es bei den Christen, bei den Buddhisten oder Atheisten – als eine Heimkehr zu den Ahnen verstanden – und das ist eine feierliche Sache. Natürlich weinen und trauern wir auch um den Toten. Aber wir gehen mit dem Tod nicht schwermütig um, denn er gehört zum Zyklus des Lebens. Jeder Trauergottesdienst wird festlich gestaltet und an einem solchen Tag darf auch gelacht werden. In Korea schämen wir uns nicht, wenn wir laut schreien und weinen, denn der Mensch besteht nicht nur aus Kopf und Vernunft, sondern auch aus Seele, Herz und Gefühlen. Wir tun das gemeinsam und bleiben nicht allen in unserer Trauer. Die ganze Beerdigung ist nicht nur Sache der Familie, sondern der Gemeinde.
Vielleicht brauchen wir in Deutschland auch solche neuen Impulse, um wieder neue, andere Rituale finden zu können. Diese Überlegung war für mich Anstoß, im August dieses Jahres im Rahmen meiner Tagungsreihe „Christentum und Buddhismus in Europa“ eine Tagung zur Bestattungskultur im Christentum und im Buddhismus heute anzubieten. Die Tagung war eine gute Mischung aus Vorträgen zum Thema und Exkursionen vor Ort. So haben wir uns unter fachlicher Führung auf dem Zentralfriedhof Bonn-Bad Godesberg über die häufigsten modernen Bestattungsformen informiert und im japanischen EKO-Haus in Düsseldorf eine Gedächtnisstätte für Verstorbene besucht, die nach shin-buddhistischem Ritual bestattet wurden.
Wie können Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett als spirituelle Erfahrung wahrgenommen und begleitet werden?
Nicht nur der Tod, sondern auch die Geburt sollte durch Rituale begleitet werden. Um hier Möglichkeiten auszuloten, habe ich 2007 eine Tagung mit dem Titel “In jeder Geburt ist der Schöpfungsakt Gottes sichtbar“ angeboten. Sie bot Raum für Überlegungen zu einer Theologie der Geburt im Gespräch mit Hebammen, Müttern und Vätern. Die Kernfrage ist doch, ob und unter welchen Bedingungen das Heilige, das Sakrale, bei der Geburt erfahren werden kann, und welche Rituale dabei helfen können. In Deutschland gibt es kaum spirituelle und geistig begleitende Angebote von der Geburt bis zur Taufe. Bei koreanischen Christinnen und Christen ist das Segnen des Kindes ein Gemeindeereignis. Die Eltern informieren ihre Pfarrerin oder ihren Pfarrer über die Geburt. Am folgenden Sonntag werden diese Kinder namentlich genannt und gesegnet. Auch viele nicht-christliche Eltern praktizieren in Korea ein Segensritual nach der konfuzianischen oder buddhistischen Tradition. Sie bringen das neugeborene Kind zum Altar der Ahnen oder zum Altar des Buddha und melden das neugeborene Kind mit fröhlich singender Stimme an „Ehrwürdige Ahnen, ehrwürdiger Buddha! Wir bringen deine Nachkommen in voller Dankbarkeit zu dir. Bitte segne diese Kind, mit Gesundheit, Glück und einem langen Leben.“ Ich denke, auch hier können wir von anderen Kulturen lernen.
Sung-Hee Lee-Linke: mein Verständnis vom Dialog des Lebens hat auch biographische Wurzeln
Dass ich hier in der Akademie das Themenfeld Dialog des Lebens verantworte und diesen Dialog interkulturell und interreligiös anlege, hat letztlich auch Wurzeln in meiner Biographie. Ich wurde in einer calvinistischen Familie in Seoul/Korea geboten. Obwohl schon lange in Deutschland lebe, ist meine Spiritualität bis heute geprägt von koreanisch-calvinistischer Frömmigkeit und von ökumenischen, interkulturellen und interreligiösen Erfahrungen meiner Jugend. Selbst in einer anderen Kultur aufgewachsen, habe ich nicht nur früh gelernt, mich mit anderen Traditionen auseinanderzusetzen und von ihnen zu lernen, ich habe so auch einen freieren, unverstellten Blick auf kirchliche und gesellschaftliche Entwicklungen gewonnen.
Dialog des Lebens: Aktuelle Schwerpunkte der Arbeit
Aus den aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen leite ich auch drei aktuelle Schwerpunkte in meiner Arbeit ab:
- Wie kann eine neue lebensnahe christliche Spiritualität gestaltet werden?
- Wie kann das Alter in Würde und Glauben gelebt werden? Wie können damit einhergehende Beeinträchtigungen wie z.B. Altersdemenz spirituell begleitet werden? Wie kann z.B. ein verwirrter und vergesslicher Mensch begreifen, dass Gott ihn nicht vergisst?
- Wie sieht die Lebenswirklichkeit von Frauen heute aus? Welche Erwartungen haben sie an ihr Leben? Wie können sie zu einem bejahenden Umgang mit Lebenskrisen finden? Wie können sie sich Wege zu einem lebendigen Gottesbezug erschließen? Seit meinen Anfängen an der Akademie setze ich dabei diese Fragen in einen interreligiösen und interkulturellen Kontext.
Zu diesen drei Schwerpunkten finden Sie hier in meinem Internetbereich weiterführende Artikel und Dokumente aus der Tagungsarbeit.
Informationen zu den Bereichen christlich-jüdischer und christlich-buddhistischer Dialog finden Sie unter der Rubrik „Kirche und Religionen“. Auch hier wird immer wieder der lebensweltliche Bezug meiner Themen deutlich.
Sung-Hee Lee-Linke / 07.10.2010
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