Sophie A. Naumann
"I am fully convinced that species are not immutable"
Darwins Einfluss auf die Kinder- und Jugendliteratur von 1859 bis heuteZunächst gebe ich einen Überblick über ausgewählte Werke der Kinder- und Jugend-literatur, die im Bezug zu Darwin stehen. Diese Bezüge sollen exemplarisch herausgestellt werden. Anschließend dienen drei Beispielwerke als Grundlage, um daran die Topoi der Veränderlichkeit, Evolution und Devolution zu betrachten und zu zeigen, wie Autoren trans-formativ mit dem Darwinschen Ausgangsmaterial gearbeitet haben.
Der Einfluss Darwins auf die Kinder- und Jugendliteratur von 1859 bis 1900
Das Erscheinen von Darwins Origin of Species im Jahre 1859 löste einen Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft, aber auch bestehenden naturwissenschaftlichen Theorien aus, den die viktorianischen Schriftsteller nicht unreflektiert ließen. Die Reflexion beschränkte sich jedoch nicht auf Literatur, die für eine erwachsene Leserschaft gedacht war, sondern nahm unter anderem mit Charles Kingsleys The Water Babies Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur. Der großen Popularität des 1863 erschienenen Romans ist ein gesellschaftliches Interesse an der Thematik zu entnehmen, das auch vor den Kinderzimmern nicht Halt machte.
Der naturwissenschaftlich interessierte Kingsley, der mit Darwin in persönlichem Kontakt stand, versucht in Water Babies die neuen Theorien mit seinen eigenen religiösen Standpunkten zu vereinbaren. Der Roman handelt von Tom, einem unerzogenen und ungebildeten Schornsteinfegerlehrling. Er wird beim Kaminschachtputzen irrtümlich des Diebstahls bezichtigt und durch Wald und Moor verfolgt. Beim Versuch, sich an einem Fluss vom Schmutz reinzuwaschen, wird er von Feen in ein Wasserbaby verwandelt. Im Fluss beginnen für ihn eine lange Entdeckungsreise und eine moralische Entwicklung, die durch pädagogische Eingriffe der Feen gelenkt wird. Kingsleys im Buch enthaltene Wissenschaftskritik erstreckt sich auf Bereiche wie Evolution, Degeneration, Mensch-Tier-Verhältnis, Kampf ums Dasein und den Wahrheitsgehalt der Naturwissenschaften. Neben der namentlichen Nennung Darwins und dem den Handlungsverlauf konstituierenden Evolutionsgedanken , findet eine Auseinandersetzung mit den Theorien in zahlreichen Dialogen statt:
‘Why do you dislike the trout so?’ asked Tom. ‘[…] A great many years ago they were just like us: but they were so lazy, and cowardly, and greedy, that instead of going down to the sea every year to see the world and grow strong and fat, they chose to stay and poke about in the little streams and eat worms and grubs; and they are very properly punished for it; for they have grown ugly and brown and spotted and small; and are actually so degraded in their tastes, that they will eat our children.’ […] For you must know, no enemies are so bitter against each other as those who are of the same race’ (79f)
In diesem Gespräch zwischen dem Wasserbaby Tom und einem Lachs geht es zunächst um die Entwicklungsgeschichte der Forelle, die in den Augen des Lachses eine Degradation ist. Zu Beginn teilen Lachs und Forelle einen Lebensraum. Im Verlauf der Entwicklung unterlassen es die Forellen jedoch, mit den Lachsen jährlich zur See zu wandern. Die Forellen passen sich der neuen dauerhaften Umgebung in körperlichen und Verhaltensmerkmalen an, um so ihre Überlebenschancen zu steigern. Die Merkmale der Lachse entwickeln sich aufgrund anderer Lebensbedingungen nicht in diese Richtungen, sodass die Forellen (Salmo trutta) als eine neue Art innerhalb der Gattung der Lachse (Salmo) entstehen. Im letzten Satz ist der daraus resultierende, explizit angesprochene Daseinskampf interessant. Dieser Gedanke erinnert auffällig an einen Abschnitt aus Darwins Origin, der mit dem Titel überschrieben ist:
Struggle for Life most severe between Individuals and Varieties of the same Species. (59)
Ebenso zeitnah zum Erscheinen Darwins Origin, publizierte Lewis Carroll in den Jahren 1865 und 1872 die weltweit bekannten Bücher Alice’s Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass. Zwar nimmt hier der Evolutionsgedanke eine weniger dominante Stellung ein wie bei Kingsley, doch wird auch hier beispielsweise das Mensch-Tier-Verhältnis, dessen Grenzlinien sich mit Darwins Theorien verschoben hatten, reflektiert. Außerdem spielen Darwinsche Theorien in der im Jabberwocky-Gedicht seltsam veränderten Tierwelt und im Verhalten der roten Königin, aus dem sich die s.g. Red-Queen-Hypothese entwickelt hat, eine Rolle. In der 1973 von Van Valen vorgeschlagenen Red-Queen-Hypothese geht es um den biologischen Wettlauf als Folge von Konkurrenz unter Organismen. Sie bezieht sich auf die Aussage der Roten Königin:
‘Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!’ (135)
Ein weiterer durchgehend direkter Bezug zu Darwin und seinen Erkenntnissen ist in dem 1896 erschienenen Roman The Island of Dr. Moreau von H. G. Wells zu erkennen . Der junge Prendick wird als Schiffbrüchiger von Dr. Moreau auf seine Südpazifikinsel aufgenommen. Dort wird Prendick Zeuge von qualvollen scheinevolutionären Transformationen. Es handelt sich bei Moreaus Arbeit um Versuche, mittels chirurgischer und hypnotischer Eingriffe Tiere in Menschen zu verwandeln, die sogar sprechen und denken können. In Bezug auf Darwin werden insbesondere Themen wie das Mensch-Tier-Verhältnis, Verbesserung durch evolutionäre Prozesse und die Rolle des Zufalls behandelt. Dabei spielt eine zunehmende Abwendung vom Lamarckismus und Hinwendung zum Darwinismus eine entscheidende Rolle. Ausführlich legt Dr. Moreau seine naturwissenschaftlichen Ansichten dar und versucht, seine Handlungen biologisch und ethisch zu rechtfertigen. Sein Ziel ist es, ein menschliches Wesen zu schaffen, dass keinen Schmerz empfindet:
’So long as visible or audible pain turns you sick; so long as your own pains drive you; so long as pain underlies your propositions about sin,—so long, I tell you, you are an animal, thinking a little less obscurely what an animal feels. […] I never yet heard of a useless thing that was not ground out of existence by evolution sooner or later.’ (76f)
Orientiert am Gedanken, dass die Evolution für das Verschwinden nutzloser Merkmale verantwortlich ist, führt Moreau künstlich einen Evolutionsprozess durch, der jedoch, von Darwins Theorien abweichend, ein vom Menschen gesetztes Ziel verfolgt.
Offensichtlich findet in den genannten literarischen Werken des 19. Jahrhunderts in direktem Bezug auf Darwin eine Auseinandersetzung mit seinen Theorien statt. Einen Schwerpunkt bildet hierbei die Veränderung der Grenzen zwischen Mensch und Tier. In utopischer bzw. dystopischer Weise, die zwar über Darwins Erkenntnisse hinausgehen, aber doch in ihnen fundiert sind, werden Menschen in Tiere und Tiere in Menschen verwandelt.
Der Einfluss Darwins auf die Kinder- und Jugendliteratur im 20. und 21. Jahrhundert
In der Darwinrezeption ab dem 20. Jahrhundert verändert sich die Tendenz der direkten Theoriekritik. In vielen Fällen werden Darwins Theorien nun als Mittel zum Zweck genutzt, um an menschlichen Handlungen und der bestehenden Gesellschaft Kritik zu üben, oder aber auf die Rezeption der Erkenntnisse zu verweisen.
In Michael Endes 1960 erschienenem Kinderroman Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer findet Darwin auf zwei Ebenen Eingang. Zum einen gibt es durch die Namensanalogie eine direkte Beziehung zwischen dem Protagonisten Jim Knopf und dem auf Darwins Reise mit der Beagle mitreisenden Jemmy Button, über den Darwin in seinem Tagebuch gelegentlich schreibt. Jim Knopf reist, ebenfalls zu Wasser, mit einer umfunktionierten Lokomotive in das Drachenland, um Prinzessin Li zu retten. Unter den Drachen herrschen strenge Hierarchien, die sich auf Rassenunterschieden gründen:
‚Die reinrassigen Drachen lassen mich nicht in ihre Drachenstadt hinein. Sie be-haupten, ich wäre bloß ein Halbdrache. Nur weil meine Mutter ein Nilpferd war! Aber mein Vater war ein richtiger Drache.’ (148)
So beklagt sich der Drache Nepomuk. Im Kapitel 20 „in dem Emma von einem reinrassigen Drachen zum Abendbummel eingeladen wird“ (157) geraten Jim und Lukas an das Portal der Drachenstadt.
Es war eine riesige, rußgeschwärzte Höhlenöffnung, aus der es ein wenig herausrauchte wie aus einem Ofenloch. Über der Einfahrt hing eine große Steinplatte, auf der zu lesen stand: !Achtung! Der Eintritt ist nicht-reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten (158)
In diesen Stellen wird unmissverständlich auf nationalsozialistisches und sozialdarwinistisches Gedankengut verwiesen, wobei letzteres auf Missdeutungen Darwinscher Theorien beruht und so nur indirekt mit denselben verknüpft ist.
Im 1985 von David Macaulay veröffentlichten Bilderbuch Baaa vollziehen sich an Schafen zunächst eine Evolution und schließlich eine rückläufige Entwicklung. Am Ausgangspunkt der Geschichte gibt es keine Menschen mehr. Wegen Nahrungsknappheit siedeln die übrig gebliebenen Schafe in menschliches Terrain über und eignen sich sukzessive alle menschlichen Angewohnheiten an. Trotz der scheinbar positiven Entwicklung zu einer funktionierenden Gesellschaft sind die Schafe auf Dauer nicht fähig zu überleben und sterben aus. In dem von Macaulay genutzten Evolutionsbogen werden Themen wie Kulturentwicklung, Gesellschaftskonstituierung und Ressourcenknappheit durch unwirtschaftliche Lebensweise angesprochen.
Ein ebenfalls sozialdarwinistischer Ansatz findet sich in Joanne K. Rowlings Harry Potter Reihe. Die sich durch alle 7 Bände ziehende diskriminierende Unterscheidung zwischen s.g. Muggeln, Schlammblütern und Zauberern findet im letzten Band in der systematischen Verfolgung von Nicht-Zauberern ihren Höhepunkt und wird zur Ideologie, über die Schriften verfasst werden:
Auf ihrem [Broschüre] rosa Deckblatt prangte ein goldener Titel: SCHLAMMBLÜ-TER und die Gefahren, die sie für eine friedliche reinblütige Gesellschaft darstellen (237)
In dem 2007 von Michael Schmidt-Salomon publizierten, umstrittenen Bilderbuch Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel wird die Thematik der drei Weltreligionen aufgegriffen. Die Protagonisten Ferkel und Igel kommen nach der Begegnung mit allen drei Religionen zu dem Schluss, dass sie keinen Gott brauchen. Das Buch schließt unter anderem mit den Zeilen:
Rabbis, Muftis und auch Pfaffen/ Sind wie wir nur „nackte Affen“ [sic!] (36)
Das Augenmerk fällt auf die in Anführungszeichen gesetzten „nackten Affen“, die durchaus als Verweis zur Evolutionstheorie gesehen werden können, die dem Menschen seinen Platz als Krone der Schöpfung genommen hat.
Die hier genannten und besprochenen Werke sind nur eine Auswahl an Kinder- und Jugendliteratur mit Bezug auf Darwin, die um eine Vielzahl weiterer Beispiele ergänzt werden könnte.
Veränderlichkeit: Von der Evolution zur Devolution
Im Folgenden stehen drei der bisher besprochenen Bücher im Vordergrund: Kingsleys The Water Babies, Wells’ The Island of Doctor Moreau und Macaulays Baaa. Diese ausgewählten Beispiele haben einen gemeinsamen thematischen Schwerpunkt: der Evolutionsprozess schlägt in Devolution um. Kingsley und Wells stehen hier in der Tradition des im 19. Jahrhunderts populär gewordenen Themas der umgekehrten Evolution und auch Macaulay knüpft an diesem Punkt an. An diesen Beispielen wird eine Variante deutlich, mit Darwins Theorien über diese hinausweisend umzugehen. Dieses Weiterdenken bekommt Funktionen wie das Kritisieren Darwins Theorien und der Darwin-Rezeption, aber es wird beispielsweise auch gezeigt, welche Evolutionsprozesse in der Literatur mit ihren eigenen Gesetzen über Natur und wissenschaftliche Theorien hinaus möglich sein können.
In Kingsleys Water Babies zeichnet sich eine rückläufige Entwicklung auf mehreren Ebenen ab. Zum einen sind es Tiere wie Fische, bei denen sich, wie bereits erwähnt, eine angebliche Degradation vollzieht. Des Weiteren fällt eine rückschrittliche Entwicklung bei Tom auf. Zu Beginn der Geschichte, als er sowohl seelisch als auch körperlich schmutzig ist, ereignet sich im Zimmer der Tochter Ellie folgende Situation:
And looking round, he suddenly saw, standing close to him, a little ugly, black, ragged figure, with bleared eyes and grinning white teeth. He turned on it angrily. What did such a little black ape want in that sweet young lady’s room? And behold, it was himself, reflected in a great mirror, the like of which Tom had never seen before. (20)
Solange Tom sich in einem schmutzigen Zustand befindet, haftet ihm ein affenähnlicher Sta-tus an, der sich an verschiedenen Stellen des Romans zeigt. Die Idee der Rückentwicklung vom Menschen zum Affen spielt auch in einer in die Geschichte eingebetteten Parabel eine entscheidende Rolle. Die Fee Mrs. Bedonebyasyoudid erzählt aus einem Bilderbuch „The History of the great and famous nation of the Doasyoulikes” (147). Zu Beginn leben die Doa-syoulikes friedlich, ohne Sorgen und Arbeit in den “Happy-go-lucky Mountains” (147). Aber sie beachten weder den rauchenden Vulkan in der Ferne, noch bekümmert sie die Warnung der Fee. Der Vulkan explodiert, begräbt das fruchtbare Land und nun müssen die Menschen hart für ihre Nahrung arbeiten.
And there they were all living up in trees, and making nests to keep off the rain. And underneath the trees lions were prowling about. […] ‘you see it was only the strongest and most active ones who could climb the trees, and so escape.’ (150)
Mit den Jahren nimmt die Behaarung der Menschen zu und nur die affenähnlichsten können überleben. Die Doasyoulikes verlernen schließlich das Denken, das Sprechen, den aufrechten Gang und alle anderen menschlichen Eigenschaften. Sie werden zu Affen und sterben sogar aus. Die Fee schlussfolgert:
‘But let them recollect this, that there are two sides to every question, and a down-hill as well as an uphill road; and, if I can turn beasts into men, I can, by the same laws of circumstance, and selection, and competition, turn men into beasts.’ (152f)
Die Ausgangsursache für die Rückentwicklung ist ein nachlässiges und faules Verhalten der Menschen, das in einem Überlebenskampf gipfelt, der die Doasyoulikes aber zunehmend in Affen verwandelt und schließlich ihr Ende bedeutet. Kingsley erweitert die Evolution um eine analoge Devolution und geht somit zu Gunsten seiner Lehrgeschichte, die als abschreckendes Beispiel dienen soll, über Darwin hinaus. Trotz spürbarer Ironie verleiht der Darwin-Bezug der Geschichte eine scheinbare naturwissenschaftliche Authentizität und Glaubhaftigkeit.
Auch Wells sprengt mit seiner Darwin-Rezeption die eigentlichen Theorien und lässt die Evolution sonderbare Wege gehen. Es werden scheinbar Menschen zu Tieren, Tiere zu Menschen und anthropomorphisierte Tiere zu den ursprünglichen Tieren. In der ersten Hälfte des Romans ist die beängstigende Annahme Prendicks dominierend, Moreau viviseziere Menschen zu Tieren. Es stellt sich jedoch eine Prozedur in umgekehrter Richtung heraus:
‘These creatures you have seen are animals carven and wrought into new shapes. To that, to the study of the plasticity of living forms, my life has been devoted. […] It is not simply the outward form of an animal which I can change. The physiology, the chemical rhythm of the creature, may also be made to undergo an enduring modification […]’ (74f)
Dr. Moreau kreiert gottgleich menschliche Wesen und wandelt somit einen von Darwin als eine natürliche Selektion beschriebenen Prozess in einen künstlichen Prozess um. Er muss jedoch einsehen, dass es nicht möglich ist, die geschaffenen Merkmale zu erhalten oder gar an Nachkommen zu vererben:
‘And they revert. As soon as my hand is taken from them the beast begins to creep back, begins to assert itself again.’ (81)
Macaulay konstruiert in Baaa eine menschenlose Welt mit evolutionär vermenschlichten Schafen. Der Evolutionsprozess ist jedoch nur so lange positiv, wie die Nahrungsmittel ausreichen. Mit der Einführung des Ersatznahrungsmittels BAAA durch die Schafregierung soll die negative Entwicklung zunächst aufgehalten werden, aber schnell wird deutlich, dass BAAA nicht zum erhofften Bevölkerungswachstum führt:
With hardly anyone left to lead, the remaining leaders were unnecessary. They, too, disappeared. Eventually, there were only two sheep left. And one day they met for lunch. There is no record of when the last one disappeared. (57ff)
Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Die Antwort liegt in den Bildern und Anspielungen: Die Schafe fressen sich selbst und sind somit für ihr eigenes Aussterben verantwortlich. Wenige Schafe schaffen es, unter diesen Bedingungen länger zu überleben, aber schließlich bleibt nur ein Einziges übrig. Die Entwicklung der Schafe führt zu dem selben Resultat, das den Ausgangspunkt des Buches bildete, wodurch die Frage entsteht, ob bei den Menschen zuvor eine analoge Entwicklung stattfand.
Durch Veränderlichkeit über Darwin hinaus
Bei der Betrachtung aller angeführten Beispiele wird deutlich, dass in der Kinderliteratur seit 1859 eine tiefgründige und ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit den Theorien Darwins stattfand und -findet.
„I am fully convinced that species are not immutable“: Dieser Überzeugung war nicht nur Darwin, sondern sie scheint auch in der Literatur Zuspruch zu finden. Eine Faszination an Veränderung äußert sich in allen möglichen und unmöglichen, natürlichen und unnatürlichen Verwandlungen von „literarischen“ Wesen, die zu einer Artenvielfalt führen, die vermutlich nicht einmal in den kühnsten Träumen Darwins zu finden waren. Dabei wird den Grenzenlinien des ohnehin ins Wanken geratenen Mensch-Tier-Verhältnisses bewusst zusätzlich Schärfe und Trennung genommen.
Als veränderlich wurden auch Darwins Theorien selbst aufgefasst. Sie stellen für die Autoren einen Ausgangspunkt dar, der jedoch zu Gunsten der Intentionen, sei es nun eine Theoriekritik, Rezeptionskritik oder Gesellschaftskritik, angepasst, modifiziert und weitergedacht wird. Es zeigt sich eine Flexibilität der Theorien, die bis heute Anknüpfungsmöglichkeiten für aktuelle Debatten bieten.
Tendenziell verändert haben sich vom 19. zum 20./21. Jahrhundert auch die Auseinandersetzungsschwerpunkte. Von einer kritischen Auseinandersetzung mit Darwins Theorien selbst ist eine Nutzung dieser zu konstatieren, die mit Hilfe Darwins über ihn hinaus aktuelle Reflexionen zu Themen wie Artenvielfalt und Artenvernichtung, Sozialdarwinismus und Rassentheorie, wirtschaftliches Leben, Stellung der Religion, Macht und Sonderstellung et cetera anregen möchte.
Über Veränderlichkeit wird in der Literatur nachgedacht, man nutzt sie formal und spielt mit ihr. Sie zeigt sich mannigfaltig auf inhaltlichen und strukturellen Ebenen, und ist ein wichtiger Beitrag, der im literarischen Bereich bereits 150 Jahre das Fortbestehen eines Darwinschen Diskurses unterstützt hat.
In der Kinder- und Jugendliteratur funktionieren Evolution und Fortschritt in alle Richtungen, es ist nichts unveränderlich und die Darwinsche Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Referenzen
Primärliteratur
Darwin, Charles: The Origin of Species. By Means of Natural Selection or the preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. 6. Auflage. London: John Murray 1872.
Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland & Through the Looking-Glass. New York: Bentam Classic 2006.
Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Stuttgart/ Wien: Thienemann Ver-lag 1990.
Kingsley, Charles: The Water Babies. A fairy tale for a landbaby. Hertfordshire: Wordsworth Editions Ltd 1994.
Macaulay, David: Baaa. Boston: Houghton Mifflin Company 1985.
Rowling, Joanne K.: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. Hamburg: Carlsen Verlag GmbH 2007.
Schmidt-Salomon, Michael: Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Aschaffenburg: Alibri verlag 2007.
Schmidt-Salomon, Michael: Susi Neunmalklug erklärt die Evolution. Ein Buch für kleine und große Besserwisser. Aschaffenburg: Alibri verlag 2009.
Wells, H.G.: The Island of Dr. Moreau. New York: Bantam Classic 2005.
Sekundärliteratur
Beatty, John/ Hale, Pier J.: “Water Babies: an evolutionary parable”: Endeavour 32 (2002): 141 - 146
Harper, Lila Marz: Children’s Literature, Science and Faith: The Water-Babies. In: Karín, Lenski-Oberstein: Children’s Literature. New Approaches. New York u.a.: Palgrave Macmillan Ltd 2004. (118-143)
Krumm, Pascale: “The Island of Doctor Moreau, or the Case of Devolution.” Foundation 75 (Spring, 1999): 51-62
Lerer, Seth: Children’s Literature. A Reader’s History from Aesop to Harry Potter. Chicago/ London: The University of Chicago Press 2008.
Sophie A. Naumann 22.06.2009
© EKiR.de 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung









