Evangelische Akademie im Rheinland

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ESSSAT 09: Dr. Matthias Herrgen M.A., Mainz 

Anthropologie und Darwinismus -

Der Mensch zwischen Selbstfindung und Selbsterzeugung

1 Einleitung

Durch Darwin ist, in den Worten von ALTNER (1981), „der Mensch aus allen übergeordneten Sinnbezügen herausgefallen und auf sich selbst und sein Werden zurückgeworfen worden.“ Diese auch als darwinsche Kränkung bezeichnete Wirkung der Evolutionstheorie überlässt uns sensu MONOD als „Zigeuner am Rande des Weltalls“ unserem Schicksal, so dass wir seit dieser Freisetzung bzw. -lassung aus der Natur zu einer Selbstfindung verpflichtet sind. Die (evolutions)-biologische Beschreibung der Variabilität des Homo sapiens steht hierbei in Einklang mit der Vielgestaltigkeit der zahlreichen Menschenbilder, die als Ergebnis einer Selbstbeschreibung innerhalb ihres spezifischen Zeithorizontes zu verstehen sind. In der Philosophischen Anthropologie haben insbesondere GEHLEN und PLESSNER den Versuch unternommen, evolutionsbiologische Erkenntnisse in die philosophische Beschreibung des Menschen zu integrieren. Bevor jedoch die Erkenntnisse der neodarwinistischen Ära, in der letztlich die Genetik sensu lato in das Evolutionsparadigma integriert wurde, Eingang in das Menschenbild finden konnten, sehen wir uns gegenwärtig mit Design- und Erzeugungsproblematiken konfrontiert, die das Zukunftsszenario einer Species- bzw. Gattungs-Selbsterzeugung generiert. Die Herausforderungen der Lebenswissenschaften sind somit durch die innovativen bio-technologische Neuerungen geprägt, die an den Kern der Bioethik-Problematik führt. Die Biologie als Naturwissenschaft sieht sich mit der Frage nach Definitionskriterien des (menschlichen) Lebens konfrontiert, um eine ethische Begründung für Schutzzuschrei-bungen oder Unbedenklichkeitserklärungen im Forschungs- oder Therapiekontext zu erlangen. Die Anthropologie (vergleichende Biologie des Menschen) ist hierbei die biologische Disziplin, die das Phänomen Mensch sowohl unter paläoanthropologischen Ge-sichtspunkten zu rekonstruieren versucht,und gleichermaßen mit humansoziobiologi-schen Interpretationen menschlichen Verhaltens Beiträge zu seinem Selbstverständnis, dem ‚Menschenbild der Biologie‘, leisten kann. Dass dieser Erklärungsanspruch, der auf die naturalen Komponenten des Menschen zielt, immer als Vollzug seiner kulturellen Existenzbewältigung zu sehen ist, erfordert eine methodische Distanzierung, die aus Sicht der Wissenschaftstheorie und Philosophischen Anthropologie realisiert werden kann, denn (VOGEL 1986): „Kultur gilt den einen als offenkundiger Beleg für das endgül-tige Ausscheren des Menschen aus den Zwängen der biologischen Natur, den anderen erscheint Kultur lediglich als eine kunstvoll überbaute ‚Reinterpretation biologischer Imperative´.“
Anthropologie ist stets eine Selbstbeschreibung, eine Gleichsetzung von Objekt und Subjekt gewesen – erschwerend kommt in der gegenwärtigen Bioethik-Debatte das unbewältigte Problem einer potentiellen ‚Selbsttransformation der Gattung‘ (SLOTERDIJK 2001) hinzu, welches den Menschen als Projekt einführt. Dies führt zu einer völlig neuen Situation für die Biologie an sich, die zum einen als schützenswertes Gut in die Gesetzgebung integriert wurde (Vertragsentwurf der Europäische Verfassung (1, II-63), Drucksache 15/4900 des Deutschen Bundestages vom 29.10.2004), zum anderen als biotechnologisches und experimentelles Arbeitsfeld sich der Methodik des Designs nähert, und somit, um ein plakatives Szenario zu konstruieren, aus dem deskriptiv-analytischen Beschreibungsansatz in den präskriptiv-codierenden Herstellungsbetrieb wechselt. Die Anthropologie muss in diesem Diskurs die grundlegenden Begrifflichkeiten und Aspekte menschlicher Selbstfindung (und -erzeugung?) aufzeigen, um dem Verfügungs- ein Orientierungswissen entgegen zu setzen.

2  (Philosophische) Anthropologie

Da die Biologie kein vorfindliches Element unserer Welt ist und sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Methodik entwickelt hat, deren Wurzeln in der lebenspraktischen Existenzbewältigung zu suchen sind, die sich aus der Wesenseigenschaft des Menschen, sein Dasein durch Kulturtradition zu bewältigen, ergibt, muss die konstruktivistische ‚Natur’ der Biologie herausgearbeitet. Historische Anthropologien beginnen die Betrachtungen beim zweifelsohne vorfindlichen, weil selbstbewussten Menschen, führen jedoch häufig zu problematischen Erklärungskonstrukten. An DESCARTES’ Dualismus lässt sich die Dichotomisierung des Menschen aufzeigen, dessen Körper-Geist-Antagonismus noch heute in der Debatte Biologismus versus Kulturalismus seine Virulenz zeigt. Wird jedoch der Mensch als grenzrealisierendes Ding sensu PLESSNER entwickelt, dann kann der Ausgangspunkt der Betrachtungen beim Leben selbst gewählt werden. Somit kann eine biologische Plastizität als Potentialität seiner Naturemanzipation entwickelt werden, der Mensch sich als ahistorisch begreifen und verstehen. Auf diesen Prämissen aufbauende Handlungstheorien (cf. WEINGARTEN 2003) führen zu einem revidierten Weltverhältnis, in dem die Kategorien Mensch, Natur, Technik und Umwelt eine sprachbasierte Herleitung erfahren, die sich im Vergleich zu den klassischen Erklärungsmustern der Philosophischen Anthropologie durch eine höheres Integrationspotential außerbiologischer Sinndeutungen auszeichnet. Auf diesem Fundament ergibt sich eine revidierte Sicht auf die Auswirkungen der Philosophischen Anthropologie für das Menschenbild, da es den sprachpraktischen Lebensvollzug innerhalb der Realisierungsinstanzen als conditio sine qua non für die ontogenetische wie phylogenetische Menschwerdung aufzeigt.

3 Biotechnologie

Vollzugsraum der Anthropologie und Handlungsumfeld der Philosophischen Anthropologie ist die spezifische Lebensumwelt des biotechnologischen Zeitalters, in dem die Technik- und Kulturentwicklung im Wechselspiel mit dem Potential der menschlichen Handlungsmacht durch biotechnologische Innovationen und Methodenoptimierung beleuchtet werden muss. Als Gegenbegriff zu der „Leonardo-Welt“ sensu MITTELSTRAß wurde von MOCEK die „Mendel-Welt“ vorgestellt und problematisiert: „Die Mendel-Welt ist ein aus der Leonardo-Welt hervorgehendes, ihre Grundzüge auf die Spitze treibendes Deutungsmodell der Beziehung von Mensch und Natur, in dem der Mensch seinem eigenen Bauplan auf die Spur gekommen ist und nunmehr gänzlich neue Wege der Selbstschöpfung, der Selbstreproduktion und Selbstdefinition einzuschlagen und damit sich und die ganze kreatürliche Welt nach eigenem Ermessen zu gestalten beginnt.“ Die Forschungsverantwortung ist ein wissenschaftsimmanentes Probleme der Ethik, die sich auf die Frage nach dem Inhalt der Biologie an sich bezieht und den konstruktivistischen Aspekt verdeutlicht. An dieser Stelle können wissenschaftstheoretischen Synthe-sen einige hier nur skizzierte Aspekte wechselseitig verknüpfen (Ausführungen in HERRGEN 2008): (i) Der Nexus von Bio-Ethik und Naturwissenschaft generiert neben begrifflichen Aspekten die Grundzüge einer Bioethik aus Perspektive der theoretischen Biologie; (ii) die Verknüpfung der Philosophie mit der Biologie thematisiert die Genese der begrifflichen Gegenstandsräume seitens der Naturwissenschaften, die zu einer Fixierung der Abstrakta führen, mittels derer sich der Mensch über seine Selbstbestimmung einig werden kann (und muss); (iii) im Disput über Werte und Normen wird die Frage der Wertebegründungen aus Sicht einer materialistischen Ethik erörtert; (iv) vielgestaltige Menschenbilder zeigen die Freiheitsgrade der menschlichen Selbstrealisierung auf, sind hochvariabel und unterstreichen dadurch die Pluralität als menschliches Wesensmerkmal.

4 Menschenbild

Als eine Konsequenz aus der Philosophischen Anthropologie lässt sich die Fragestellung für die evolutionäre Anthropologie festhalten, inwieweit die philosophischen Ansichten eines Wahrnehmens als verantwortungspflichtiges Handeln (JANICH 2006) mit den Erkenntnissen der socially shared attention (TOMASELLO et al. 2007) aus der humanethologischen Forschung in Einklang zu bringen sind. Es scheint ein Paradoxon des Menschen zu sein, dass seine Orientierung des Lebens an einen Selbstentwurf gekoppelt ist, den er als zur Freiheit bestimmtes Individuum wählen kann. Dass der Mensch nun in diesen Freiheitsgraden ‚gefangen’ ist, seine Emanzipation also weit vorangetrieben hat, ist jedoch als point of no return zu sehen. Es lässt sich eine Unumkehrbarkeit dieses evolutiven Freisetzungsprozesses aufzeigen, da eine Wiedereinsetzung in den status quo ante unmöglich ist. UEXKÜLL (1953) stellt fest: „Ein Mensch, der die Fähigkeit verlöre, Ziele zu wählen und Entwürfe aufzustellen, die ihn zu seinen Zielen führen, würde dadurch nicht die natürliche und instinktive Sicherheit der Tiere wiedergewinnen, die er verloren hat. Im Gegenteil: er würde dann jede Orientierung verlieren und müsste zugrunde gehen.“ Die Vielgestaltigkeit der in diesem Kontext möglichen Lebensentwürfe ist das eigentlich anthropologische Moment, während die individuellen Homo-Typologien an sich keine Anthropologie darstellen, da sie kasuistisch-deskriptiv auf individuelle Lebensentwürfe verweisen, die sein können. Unter diesem Aspekt ergeben die zahlreichen Charakterisierungsversuche des Menschen innerhalb der nichtphysischen Anthropologie („Homo xxx“) sowie den Kultur- und Sozialwissenschaften einen Sinn, da sie in metaphorischer Sprache häufig anzutreffende Muster problematisierend oder idealisierend ansprechen. SCHELER (1987) bemerkte hierzu: „Der Mangel des Menschen an spezifischen Dispositionen zu reaktivem Verhalten gegenüber der Wirklichkeit, seine Instinktarmut also, ist der Ausgangspunkt für die anthropologische Zentralfrage, wie dieses Wesen trotz seiner biologischen Indispositionen zu existieren vermag. Die Antwort läßt sich auf die Formel bringen: indem es sich nicht unmittelbar mit seiner Wirklichkeit einläßt. Der menschli-che Wirklichkeitsbezug ist indirekt, umständlich, verzögert, selektiv und vor allem ‚metaphorisch’.“ 

5 Conclusio

Wenn es gelingt, den Übermenschen als Menschen zu begreifen, der sich seiner ihn bedingenden Ursprünglichkeit nicht entledigen möchte, da er sie als konstitutives Element aus seiner evolutiven Verhaftetheit begreift, dann kann die Philosophische Anthropologie einen existentiellen Beitrag zu der Begründung und Herleitung eben der Werte leisten, die den Übermenschen noch als Humanum sehen und seine intrinsische Ursprünglichkeit bewahren wollen. Aus Sicht der Philosophischen Anthropologie stellt die Biologie keinen Wert für sich dar und kann keine Werte an sich ableiten oder entdecken, sondern ist eine Begründungsinstanz für die aus der Herleitung seiner Naturemanzipation sich ergebenden Faktoren seiner nach wie vor gültigen naturalen Grundbedingungen. In Form eines zugesprochenen Schutzstatus können sie den Realisationsraum in natürlicher wie kultureller Form konstituieren und bewahren, in der der Homo sapiens das werden kann, was er werden kann: Mensch. Die Ermöglichung des individuellen Lebensvollzugs unter Berücksichtigung der Grundbedingungen des subjektiven Schicksals einer individuellen Genkombination, die als Aspekt einer Gleichheit und Kontinuität in Variabilität und Integrität des Men-schen einzufordern ist, wird als Kennzeichnung der schützenswerten Inhalte einer Bio-logie des Menschen vorgeschlagen. Diese ‚Verbindlichkeitserklärung der Unergründlichkeit’ ohne transzendenten Begrün-dungskontext zu vertreten, muss die Antwort verantwortlicher Lebenswissenschaften auf die conditio humana sein, die sich aus der Selbsterkenntnis des Menschen als natural bedingtes und kulturell definiertes Lebewesen ergibt.

6 Literatur

Die Literaturangaben finden sich in der Download-Fassung, die am Schluss dieses Artikels eingestellt ist.

Kontaktadresse des Autors:

Dr. Matthias Herrgen M.A.
Bodenheimer Str. 37
55129 Mainz
Mail an Dr. Matthias Herrgen


Dr. Matthias Herrgen 22.06.2009


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