ESSSAT 09: Dr. Hubert Meisinger, Mainz
Intelligent Design - Lückenfüller mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen?
Eine Herausforderung an Naturwissenschaft und TheologieEin Beitrag des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in der New York Times im Juli2005 mit dem Titel „Finding Design in Nature“, zwei ARTE-Sendungen im September 2006 und März 2007 über Intelligent Design und Kreationismus und politische Auseinandersetzungen um die bisherige Hessische Kultusministerin Karin Wolff, die unter der Überschrift „Schöpfungslehre im Biologieunterricht“ liefen, haben einem ur-amerikanische Thema letztlich im Jahre 2007 auch in Deutschland eine breite öffentliche Debatte beschert: Es geht um die alte Frage nach „Schöpfung oder Evolution“, allgemeiner nach „Glaube oder Naturwissenschaft“. Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist eine falsche Alternative, die der Dynamik interdisziplinärer Fragestellungen in keiner Weise gerecht wird. Denn es befinden sich nicht auf der einen Seite die strenggläubigen Christinnen und Christen, die an die Schöpfung glauben, und auf der anderen die atheistischen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler, denen einzig und allein die Evolutionstheorie gewissermaßen als Glaubensbekenntnis dient. Die Risse gehen jeweils durch beide Bereiche hindurch. Das gilt schon für Galileo Galilei, der gerne als Paradigma der Auseinandersetzung zwischen modernem naturwissenschaftlichem Weltbild und veralteter theologischer Weltsicht hochstilisiert wird – was dem historischen Befund in keiner Weise entspricht. Seine empirische Erkenntnisbasis wird heute vielfach als nicht ausreichend für seine Folgerungen angesehen. Das konfliktreiche Gespräch, aber auch die wachsende gegenseitige Belebung zwischen Theologie und dem neuen Wissen vom Menschen und vom Kosmos begleiteten vielmehr die revolutionären Einsichten der Naturwissenschaften seit dem 15. Jahrhundert– über Darwin, Planck, Einstein und Heisenberg bis in die jüngste Zeit. Doch die Hoffnung– von dem Theologen Paul Tillich 1965 geäußert –, dass die Religion der Zukunft „von dem sinnlos gewordenen Konflikt zwischen Glauben und Wissen“ frei sein werde, scheint momentan wieder in weite Ferne zu rücken – dazu trägt die Intelligent Design Bewegung als eine neue evolutionskritische Bewegung, die in den 1990er Jahren entstanden ist, einen großen Teil bei.
2. Was ist Intelligent Design?
Mit dem Grundgedanken eines „Intelligent Designs“ wenden sich ihre Vertreter vor allem gegen einen atheistischen Naturalismus oder Neo-Darwinismus, der die Phänomene des2Lebens allein durch Zufall (und andere Evolutionsmechanismen) erklärt. Seine extremste Form findet dieser Neo-Darwinismus in der Brights-Bewegung oder in Veröffentlichungen wie „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins, die Religion als große Illusion zu entlarven versuchen. Demgegenüber vertritt die Intelligent Design Bewegung die Position, dass es nicht-reduzierbar komplexe Phänomene in der Welt gebe, zu deren Erklärung hinsichtlich ihrer Genese ein intelligenter Designer notwendig hinzugezogen werden müsse – ohne diesen jedoch mit dem christlichen Schöpfergott gleichzusetzen. Neben dem Auge oder der Geißel eines Bakteriums dient als populäres Beispiel hierfür die Mausefalle: Würde bei ihr ein Element fehlen – sei es die Feder oder ein Haken –, würde sie nicht als Mausefalle funktionieren. Eine schrittweise Entstehung ließe sich nicht denken. Nur das Endproduktkönne die entsprechende Funktion erfüllen.
Organisiert wird die Intelligent Design Bewegung vom Discovery Institute in Seattle aus, an dem Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen arbeiten, die den ID-Ansatz verfolgen, und das durch Spenden großzügiger konservativer Mäzene unterhalten wird. Dessen Aufgabe ist es, die Kritik an naturwissenschaftlichem und philosophischem Naturalismus zu formulieren und nicht-reduktionistische Studien über die natürliche Welt voran zu treiben. Die Aufgabe dieses Instituts und sein Anspruch dürfen nicht unterschätzt werden, stellt es doch den Versuch dar, Wissenschaftlichkeit nach außen zu vertreten, indem es wissenschaftliche Strukturen quasi nachzeichnet.
Das vor wenigen Jahren an die Öffentlichkeit gelangte „Wedge-Document“ (Wedge = Keil)macht den grundsätzlichen Anspruch der ID-Bewegung deutlich: Als Fünf Jahres Ziel wird darin formuliert, dass die ID-Theorie als akzeptierte Alternative in den Naturwissenschaften und in naturwissenschaftlicher Forschung angesehen wird – ein Ziel, das bisher nichterreicht wurde –, als 20 Jahres Ziel wird sogar die Dominanz der ID-Theorie im Bereich der Natur- und Geisteswissenschaften bis hin zur Kunst und ein von ID durchdrungenes religiöses, kulturelles, moralisches und politisches Leben anvisiert.
ID ist nur im weitesten Sinne des Wortes ein Vertreter des Kreationismus, nämlich insofern es eine kritische bis ablehnende Haltung im Blick auf die Evolutionstheorie einnimmt. Im Unterschied zu einem 7-Tage-Kreationismus, der die Schöpfungsgeschichte der Bibel in 1.Mose 1 wörtlich nimmt, akzeptiert ID jedoch lange Zeiträume und die Mikro-Evolution, die zu Veränderungen innerhalb einer Art führt. In der Makro-Evolution, die oberhalb der Art-Ebene stattfindet und bei der beispielsweise neue Gattungen in den Blick geraten, sieht ID jedoch aufgrund des Argumentes einer irreduziblen Komplexität bei naturwissenschaftlich(noch) nicht ausreichend bekannten Mechanismen einen Intelligenten Designer am Werk. Dieser Intelligente Designer wird bewusst nicht mit dem christlichen Gott oder Schöpferidentifiziert, um nicht mit Kreationismus in einem engeren Sinne gleichgesetzt zu werden und damit – wie bei diesem geschehen – Gefahr zu laufen, sich nicht in Schulen durchsetzen zu können. Gleichwohl weist der Intelligente Designer eine große Nähe auf zum Konzepteines reduktionistisch verstandenen christlichen Schöpfergottes im Sinne eines Lückenbüßer-Gottes. Es gibt aber sehr wohl auch nicht-christlich motivierte ID-Bewegungen, beispielsweise im Islam und auch bei Menschen, die keiner Religion angehören.
3. Ist Intelligent Design eine Naturwissenschaft, eine Theologie oder eine Religion?
In der weltweiten naturwissenschaftlichen Gemeinschaft wird Intelligent Design mit gutenGründen nicht als naturwissenschaftliche Theorie angesehen. Denn Intelligent Design liefert keine eigenen konstruktiven Beiträge zu naturwissenschaftlichen Fragestellungen, sondern bezieht sich auf die zu naturwissenschaftlicher Forschung gerade erforderlichen „Lücken“ naturwissenschaftlicher Erkenntnis und stellt mit dem „Kunstgriff“ des intelligenten Designers einen Lückenbüßer der Erklärung bereit. An den Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis beginnt jedoch nicht Design, sondern Nichtwissen, das zu wissenschaftlicher Phantasie und Neugierde anregt. Von daher sollte ID ebenfalls nicht als neue Metaphysik bezeichnet werden.
Versteht man Theologie als wissenschaftliche Reflexion religiöser Überzeugungen und Handlungen, dann ist ID auch keine Theologie. Einer funktionalen Interpretation der Religion als Komplexitätsreduktion, wie sie Niklas Luhmann vornimmt, kommt sie jedoch sehr nahe. Denn die Art und Weise ihres Umgangs mit der sog. irreduziblen Komplexität läuft genau auf eine Komplexitätsreduktion hinaus: Es wird eine einfache „Erklärung“ für offene Fragen eingeführt, nämlich der Schluss auf einen intelligenten Designer. ID „befriedigt“ in gewissem Sinne die Suche nach „klaren“ und „einfachen“ Antworten in einer zunehmend komplexer werdenden Welt.
Eine besondere Schwachstelle des religiösen Fundamentalismus, des von ihm ausgehenden Kreationismus und auch seiner modernen Variante ID ist die völlige Ablehnung einer auch historisch-kritischen Sicht der biblischen Texte. Wer aber prinzipiell über dieses Wissen hinweg sieht, verfehlt in der Regel den Sinn der biblischen Aussagen. Im wissenschaftlichen Diskurs in den Naturwissenschaften wie in der Theologie findet somit der Intelligent Design Gedanke keine ernsthafte Anerkennung – „falls man hier überhaupt von ‚Denken’ reden kann“, so kritisch der Physiker und Philosoph Hans-Dieter Mutschler (Intelligent Design. Spricht die Evolution von Gott?, in: Bischöfliches Ordinariat Limburg: Alles reiner Zufall? Streit um Gott als intelligenten Designer, Info 35, 3/2006, S.104).
4. Wo liegen die Herausforderungen?
Drei Herausforderungen sollen benannt werden:
Der naturwissenschaftliche Zugang zur Welt ist grundsätzlich von hoher Rationalität gekennzeichnet und liefert ein enormes Maß an Verfügungswissen. Dabei gerät das Orientierungswissen in den Hintergrund: Geklärt wird zwar, was ist und wie es zu etwas kommt, nicht aber, wozu etwas dient oder welche ethischen Folgerungen daraus gezogen werden könnten. Gleichzeitig wird die Religion als Orientierungswissen liefernde „Institution“ in unserer Gesellschaft partiell an den Randgedrängt – oder ist dahin ausgewandert: Ihrer institutionalisierten Form als Kirchen unterschiedlicher Konfessionen wird trotz oder gerade angesichts der viel diskutierten Renaissance der Religion nicht mehr die Kraft zugetraut, auf der Grundlage der alten Mythen und Weisheiten für heute Richtung weisende Wertsetzungen zu geben. Ihre Weltsicht erscheint vielen kritischen Zeitgenossinnen und –genossen als veraltet. Dadurch ist in der Beantwortung der Frage „Wozu?“ eine Leerstelle entstanden. Diese wird weder von den Vertreterinnen und Vertretern der Naturwissenschaft noch denen der Theologie ausreichend gefüllt. Entstanden ist damit ein Einfallstor für vernunftkritische, fundamentalistische religiöse Bewegungen, die in einem quasi-naturwissenschaftlichen Gewand daher kommen: Kreationismus und Intelligent Design. Durch ein neues theistisches Weltbild versucht gerade die Intelligent Design Bewegung die genannte Leerstelle zu füllen und leitet konkrete Handlungsanweisungen ab, die der Aushöhlung von Moral und Verantwortung durch eine materialistische Weltsicht entgegen wirken sollen – insofern diese Aushöhlung als real angesehen wird und man diese vereinfachende, monokausale Herleitung durch die Intelligent Design Bewegung gewillt ist zu teilen.
Ein weiterer Punkt betrifft die Darstellung naturwissenschaftlicher und theologischer Forschung in der Öffentlichkeit. Obwohl es im naturwissenschaftlichen Bereich mit „Spektrum der Wissenschaft“, „Bild der Wissenschaft“ oder „P.M.“ und in der Theologie mit beispielsweise der Zeitschrift „zeitzeichen“ oder der Herder-Korrespondenz gute Angebote gibt, die auch in Richtung einer Popularisierung zielen, müssen diese Angebote dringend ausgebaut und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: die „Kunst der Wissenschaftspopularisierung“, der allgemein verständlichen Darstellung naturwissenschaftlicher und theologischer Forschung, ist neu einzuüben. Dabei müsste es in erster Linie auch gelingen, das in der Öffentlichkeit als vorherrschend wahrgenommene Konflikt-Verständnis zwischen Naturwissenschaften und Theologie aufzubrechen. Ihm gegenübergilt es, auf die Pluralität an kreativen, diskursiven Ansätzen auch im konkreten Dialog miteinander hinzuweisen, durch die das interdisziplinäre Fachgespräch in Deutschland, Europa und weltweit gekennzeichnet ist.
Nicht zuletzt geht es um den Bereich der schulischen Bildung. Dass die Unterrichtssituation von Religion in den USA verschieden ist zum deutschen Schulsystem, muss nicht ausführlich erläutert werden – das Unterrichtsfach Religion gehört nicht zum amerikanischen Fächerkanon und jede Schulbehörde kann eigene Lehrpläne aufstellen. Von daher versucht ID, unter dem Deckmantel der Naturwissenschaft Eingang ins Bildungssystem zu finden, und ist daran 2005 in Dover gescheitert: Richter John E. Jones fällte dort ein klares Urteil – Intelligent Design im Unterricht sei verfassungswidrig und die ID-Politik der entsprechenden Schulbehörde eine „atemberaubende Hirnverbranntheit“.
Diese Vorgänge weisen aber auf die Notwendigkeit hin, das evolutive Verständnis von der Entstehung des Kosmos, der Natur und des Menschen ausreichend und Zusammenhängeherstellend im Fächerkanon zu verankern – verbunden mit dem Grundgedanken, dass in der Schule bereits eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis stattfinden sollte. So, wie es auch im Lehrplan Biologie für den gymnasialen Bildungsgang des Hessischen Kultusministeriums aus dem Jahre 2003 für die 13. Jahrgangsstufe zum Thema Evolution zu finden ist: „Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen müssen die naturwissenschaftliche Diskussion ergänzen und erweitern“. Darauf hatte sich die bisherige hessische Kultusministerin Karin Wolff bezogen, nicht auf die simple Formel „Schöpfungslehre im Biologieunterricht“.
Ein moderner Biologie- wie Physikunterricht wird ebenso wie ein moderner Religionsunterrichtseine eigenen Grenzen ertasten und durch interdisziplinäre Angebote im jeweiligen Fachunterricht oder in Projekten gerade dadurch junge Menschen sensibel und wachsam machen gegen über den unwissenschaftlichen und theologisch inakzeptablen Vorstellungen der Kreationisten und der ID-Bewegung, aber auch gegenüber zu starken Vereinseitigungen eines Neo-Darwinismus Dawkinscher Prägung. Dabei kann es nicht bei einemeinfachen Nebeneinander der verschiedenen Disziplinen bleiben, wie es immer wiederformuliert wird. Im Sinne einer „freundschaftlichen Wechselwirkung“ werden Berührungspunkte zu finden sein, die gemeinsam, konstruktiv und mit gegenseitigem Respekt betrachtet werden können. Nicht erst am Ende steht dabei die Gottesfrage - die Frage nacheinem neuen, dynamischeren Gottesverständnis, das sich möglicherweise aus dieser gemeinsameninterdisziplinären Suchbewegung heraus ergeben wird. Die Generierung und Entwicklung von Gottes-, Menschen- und Weltbildern ist Teil der Identitätsbildung eines Menschen, gerade im Kinder- und Jugendalter, und die gelingende Verständigung darüber ist ein lebenslang bedeutender Beitrag zur Stabilität und Weiterentwicklung einer Gesellschaft. In diesem Sinne muss dem interdisziplinären Dialog im Alltag unserer Schulen, aber auch darüber hinaus, eine weitaus höhere Bedeutung als bisher beigemessen werden.
Zum Autor:
Pfarrer Dr. Hubert Meisinger ist Referent für Umweltfragen im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau (EKHN) und nebenamtlicher Studienleiter für Naturwissenschaft und Theologie an der Ev. Akademie Arnoldshain. Er gehört dem Vorstand der European Society for the Study of Science and Theology (www.esssat.org) an.
Kontakt:
Mail an Dr. Hubert Meisinger
Dr. Hubert Meisinger 22.06.2009
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