Evangelische Akademie im Rheinland

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Thorsten Moos 

Metaphern und Bilder

Die Analyse "weicher" Übertragungen zwischen Naturwissenschaft und Theologie und ihre Bedeutung für den interdisziplinären Dialog

Thesenpapier

I. Forschungsstand

  1. Das Interesse an Metaphern im interdisziplinären Dialog von Theologie und Naturwissenschaften beschränkte sich bisher im Wesentlichen auf drei Bereiche:
    Zum einen werden Metaphern kritisiert, insofern sich mit ihnen vermeintliche interdisziplinäre Missverständnisse verbinden. Insbesondere bildliche Aussagen der Naturwissenschaften, denen dort präzise Modelle oder Theorien entsprächen, würden auf theologischer Seite missverstanden und somit fälschlich metaphorisiert (Alain Sokal; Hans-Dieter Mutschler u.a.).
    Zum zweiten wird im apologetischen Interesse darauf hingewiesen, dass nicht nur die Theologie, sondern auch die Naturwissenschaften Metaphern und Bilder gebrauchten. Der epistemische Status naturwissenschaftlicher Aussagen sei also gar nicht so ‚hart’ wie gewöhnlich vermutet. Vielmehr ergebe sich hier eine dialogrelevante Parallele zwischen Theologie und Naturwissenschaften.
    Weithin unstrittig ist hingegen drittens der didaktische Einsatz bildlicher Rede zur Vermittlung eigener Erkenntnisse an Fachfremde, sofern dieser kontrolliert verlaufe und nicht in die Falle der interdisziplinären Metaphernmissverständnisse tappe.

II. Befund und Interpretation

  1. Betrachtet man die Metaphernproduktion im Dialog von Theologie und Naturwissenschaften, so fallen zunächst tatsächlich binnendisziplinäre bildliche Ausdrücke auf, die interdisziplinär Karriere machen. Zu ihnen gehören für die Physik Ausdrücke wie „offenes System“, „Freiheitsgrade“, „Linearität“, die bei Aufnahme in die Theologie (und andere Geistes- und Kulturwissenschaften) einen offensichtlichen Bedeutungswandel erleben.
  2. Weiterhin werden naturwissenschaftliche Konzepte, die nicht oder nicht vorrangig bildliche Ausdrücke verwenden, in die Theologie übernommen und dort in einem anderen Kontext verwendet. Beispiel ist etwa die Rekonstruktion des theologischen Geistbegriffs mit Hilfe des physikalischen Feldkonzepts (Wolfhart Pannenberg).
    Eine subtilere Variante ist die explizite oder implizite Identifikation von naturwissenschaftlichen und theologischen Begriffen etwa über ihren Gegenstandsbereich – wie etwa die Identifikation von Natur der Naturwissenschaft und Schöpfung.
  3. Der erste Befund weist – wenig überraschend – auf metaphorische Gehalte der Wissenschaftssprachen und auf die Möglichkeit metapherninduzierter Beziehungen zwischen den Sprachen verschiedener Wissenschaften.
    Der zweite Befund weist hingegen auf die metaphorische Struktur des Dialogs von Theologie und Naturwissenschaften selbst. Ein Ausdruck, der in einem Kontext beheimatet ist, wird in einen anderen Kontext übertragen, ohne dass eine begriffliche Kontrolle dieser Übertragung durch einen übergreifenden Kontext (etwa im Sinne allgemeinen Theorie der Wissenschaften o.ä.) vorliegt. Durch die Interaktion der beiden Kontexte kommt es zu Wechsel- und Neubestimmungen auf beiden Seiten. (Siehe hierzu die Interaktionstheorie der Metapher nach Max Black und den Beitrag von Ruth Böker auf dieser Tagung.)
  4. In beiden Fällen werden Geltungsansprüche innerhalb der Empfängerdisziplin erhoben (etwa dass der theologische Geistbegriff so und so zu verstehen sei). Gleichzeitig wird jeweils aber auch etwas über das Verhältnis der Disziplinen zueinander ausgesagt (etwa dass Theologie und Naturwissenschaft sich nicht so fern seien wie immer angenommen). Dies ist so lange der Fall, wie ein Ausdruck seinen fremddisziplinären Klang behält (in der Theologie also etwa Begriffe wie offenes System oder Feld, wohl aber nicht mehr der Begriff der Kraft).
  5. Definition: Eine solche Übertragung soll als interdisziplinäre Metapher bezeichnet werden. Eine interdisziplinäre Metapher ist mithin ein Terminus, der in einer Wissenschaft als aus einer anderen stammend verwendet wird. (Dafür ist es unerheblich, ob die Annahme der Herkunft des Terminus mit den Einsichten der Begriffsgeschichte übereinstimmt oder nicht.)
    Hingegen soll von einem interdisziplinären Begriff gesprochen werden, wenn es eine von beiden Disziplinen aus akzeptierte dritte Instanz gibt, die einen gemeinsamen Kontext für eine begrifflich bestimmte Übertragung bietet (Wissenschaftstheorie, /-philosophie, Strukturwissenschaft etc.). Ein interdisziplinärer Begriff wird nicht als aus einer anderen Wissenschaft stammend verwendet, sondern als beiden Wissenschaften gemeinsam.
  6. Bei den terminologischen Übertragungen von der Naturwissenschaft in die Theologie, die im naturwissenschaftlich-theologischen Dialog häufig sind, handelt es sich durchweg um interdisziplinäre Metaphern und nicht um interdisziplinäre Begriffe. (Eine anerkennungsfähige dritte Instanz gemeinsamer Begriffsbestimmung besteht nicht und ist wohl auch nicht zu erwarten.)
    Der naturwissenschaftlich-theologische Dialog sollte im Bewusstsein um seine metaphorische Struktur geführt werden.
  7. Die interdisziplinären Metaphern haben eine Reihe von Funktionen, die ihre Beliebtheit verständlich machen:
    Sie dienen zum einen der Innovation innerhalb der Wissenschaften, deren Gegenstand sich vermöge der Interaktion mit einer anderen Wissenschaft neu erschließen kann. (So kann die Pneumatologie vielleicht aus der Feldanalogie neue Einsichten dazugewinnen.) Diese Innovationen müssen nach innen, vor dem Forum der eigenen scientific community, gerechtfertigt werden.
    Sie importieren zweitens Plausibilität für bestimmte Aussagen, indem diese als analog zu Aussagen einer anderen Wissenschaft gesetzt und damit extern gestützt werden. Interdisziplinäre Metaphern fungieren so als Instrumente im fachinternen Steit. (Als Beispiel mag Günter Howes Aufnahme des Komplementaritätsbegriffs in die Theologie dienen.)
    Drittens dienen sie auch der Behauptung der Relevanz der eigenen Wissenschaft und ihrer Aussagen nach außen, wenn sie Verbindungen zu weniger umstrittenen Wissenschaften ziehen (so etwa, wenn die Theologie ihre Einsichten in neurowissenschaftliche Terminologie kleidet).
    Viertens haben sie, v.a. für die Theologie, apologetische Bedeutung, indem das feindliche Andere zumindest terminologisch integriert wird bzw. die leidvoll erfahrene Spaltung zwischen beiden Wissensbereichen gerade mit den Mitteln der ‚anderen Seite’ versöhnt wird (ein geradezu homöopathischer Gedanke).
    Fünftens bilden sie Keimzellen ethischer Bewertungen naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen, indem sie (im naturwissenschaftlichen Binnenverständnis) wertfreie „Fakten“ in einen normativen Kontext übertragen (Natur als Schöpfung, Embryo als würdebegabter Mensch etc.).

III. Zur Kritik interdisziplinärer Metaphern

  1. Angesichts der einleitend angesprochenen Kritik an interdisziplinären Metaphern ist die Frage, ob hier nicht tatsächlich ein ikonoklastischer Gestus gerechtfertigt ist. Handelt es sich, eben weil die interdisziplinären Metaphern keine interdisziplinären Begriffe sind, nicht einfach um Missverständnisse?
  2. Bei aller berechtigten Kritik ist jedoch auch zu erwägen, ob es nicht auch einen in der menschlichen Selbstauslegung liegenden Grund für die Verwendung dieser Metaphern gibt. Die apologetische Debatte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts fand vor dem Hintergrund des Umstandes statt, dass der kausalmechanische Determinismus der newton-maxwell-(einstein)’schen Physik auch als Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls verwendbar war. Der naturwissenschaftlich-theologische Dialog hätte es dann insbesondere mit der Tatsache zu tun (und hätte darin einen würdigen Gegenstand!), dass naturwissenschaftliche Theorie- und Begriffsbildung in die menschliche Selbstauslegung eingehen (und sich evtl. auch aus dieser speisen). Die Selbstauslegung wäre demnach metaphorisch, bevor der Dialog es wird.
  3. Schließlich kann man speziell für das religiöse Bewusstsein eine Affinität zu metaphorischer Sprache feststellen. Religion bedeutet, sich auf etwas zu beziehen und dieses gleichzeitig zu überschreiten. Der bestimmte Gegenstand des religiösen Bewusstseins ist Symbol für ein Transzendentes, nicht mehr gegenständlich Bestimmbares. Was dem religiösen Bewusstsein zum Symbol wird, ist dem gegenüber zweitrangig. Welt, Natur, Moral, Geschichte, Kunst, Kultus sind allesamt symbolfähig. Auch die Natur der Naturwissenschaften ist ein möglicher, wenngleich seit Kant eher randständiger, Symbollieferant für das religiöse Bewusstsein. Die metaphorische Relation zwischen Theologie und Naturwissenschaften speist sich nicht zuletzt hieraus.
  4. Aus den letzten drei Thesen ergibt sich die Möglichkeit eines kritisch geklärten Umgangs mit naturwissenschaftlich-theologischen Metaphern im interdisziplinären Dialog.

 


Dr. Thorsten Moos, Wittenberg 09.06.2005


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