Ruth Böker
Metaphern
Grenzen oder Wegweiser für einen interdisziplinären Dialog?In meinem Beitrag möchte ich, indem ich speziell auf die Rolle von Metaphern als Beispiel bildlicher Rede eingehen werde, die Vielfalt unserer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten beleuchten und nach den damit verbundenen sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten im Rahmen eines interdisziplinären Dialogs fragen. Einleitend will ich mit grundlegenden sprachphilosophischen Überlegungen beginnen. Darauf folgt ein Abschnitt zum Thema Metaphern, in dem ich einerseits die Vielfältigkeit von Metaphern aufzeigen und andererseits die Substitutions- und Interaktionstheorie als zwei Metapherntheorien vorstellen möchte. Abschließend möchte ich nach der Relevanz der vorangegangenen Überlegungen für einen interdisziplinären Dialog fragen.
Sprachphilosophisch unterscheidet man bei Begriffen zwischen ihrer Denotation und ihrer Konnotation. Dabei verstehe ich unter der Denotation eines Ausdruckes die Menge der Gegenstände, die von diesem Ausdruck bezeichnet werden, während ich unter der Konnotation die Merkmale oder Eigenschaften verstehe, die dem Ausdruck zugesprochen werden.[1]
Nun ist es möglich, dass ein Objekt auf zwei verschiedene Weisen bezeichnet wird. Ein klassisches Beispiel für Ausdrücke mit gleicher Denotation aber verschiedenen Konnotationen findet sich bei Frege: Sowohl der Ausdruck „der Abendstern“ als auch der Ausdruck „der Morgenstern“ beziehen sich auf den Planeten Venus. Tauscht man in einer Aussage, die einen Sachverhalt zum Ausdruck bringt, diese beiden Ausdrücke füreinander aus, so ändert sich der Wahrheitswert dieser Aussage nicht. Allerdings können wir uns eine Person denken, die nicht davon weiß, dass die beiden Ausdrücke dasselbe Objekt bezeichnen. Damit wird es möglich, dass sie auf die Frage „Glaubst du, dass der Morgenstern am Himmel zu sehen ist?“ mit „ja“ antwortet, während sie zur gleichen Zeit die Frage „Glaubst du, dass der Abendstern am Himmel zu sehen ist?“ verneint. Dieses Beispiel verdeutlicht eine erste Schwierigkeit: In Kontexten des Glaubens, Meinens, Wünschens oder Hoffens lassen sich extensional äquivalente Ausdrücke im Allgemeinen nicht füreinander substituieren, denn in solchen Kontexten sind die Ansichten des betreffenden Subjektes wesentlich. Dieser Punkt berührt nun auch den Dialog, da ein Dialog von der gegenseitigen Vermittlung und Diskussion von Überzeugungen lebt.
Darüber hinaus begegnen wir in unserer Sprache auch immer wieder Ambiguitäten oder ein und dasselbe Wort kann sich in verschiedenen Sprachen auf unterschiedliche Gegenstände beziehen. Das Wissen um diese Schwierigkeiten kann es uns erleichtern Missverständnisse aufzudecken. Aber alle bisher von mir angesprochenen Schwierigkeiten scheinen mir keine ernsthaften Probleme darzustellen, da sie sich unter Hinzunahme des erforderlichen Hintergrundwissens ausräumen lassen.
Unsere Sprache zeichnet sich durch einen nahezu unerschöpflichen Reichtum und eine bemerkenswerte Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten aus. Neben der wörtlich zu nehmenden Rede begegnen wir auch immer wieder Formen des uneigentlichen Sprechens. Metaphern bieten faszinierende Möglichkeiten ein wörtliches Verständnis zu überschreiten, so dass ich ihnen im Folgenden meine Aufmerksamkeit widmen möchte. Hier gehe ich zunächst näher auf einige Charakteristika ein, die mir für Metaphern wesentlich erscheinen.
Kennzeichnend für metaphorische Ausdrücke ist, dass ihnen eine Bedeutung zukommt, die über ein wörtliches Verständnis hinausgeht. Häufig wären metaphorische Ausdrücke, sofern man sie wortwörtlich auffasst, als falsch zu bezeichnen. Allerdings trifft dieses nicht auf jede metaphorische Aussage zu, da es metaphorische Aussagen gibt, die sowohl wörtlich als auch metaphorisch verständlich sind. Oft ist auch der weitere Kontext für ein angemessenes Verständnis unerlässlich. Ist ein einzelnes Wort für sich gegeben, so kann noch nicht entschieden werden, ob es sich dabei um eine Metapher handelt. Erst dadurch, dass sich in einem längeren Ausdruck einige Wörter von den übrigen meist wörtlich gebrauchten abheben, wird überhaupt das Vorliegen einer Metapher erkennbar. So möchte ich Max Black folgend die Wörter, die in einem Satz metaphorisch gebraucht werden, Fokus und den übrigen Teil des Satzes Rahmen der Metapher nennen.
Von den unterschiedlichen Theorien der Metapher möchte ich zwei zentralen im Rahmen dieses Beitrags nähere Beachtung schenken: der Substitutionstheorie und der Interaktionstheorie.
Hinter der Substitutionstheorie verbirgt sich eine Auffassung, die davon ausgeht, dass sich metaphorische Ausdrücke in einer Aussage vollkommen durch zu ihnen äquivalente wörtliche Ausdrücke ersetzen lassen. Ist diese Theorie zutreffend, so drängt sich die Frage auf, warum überhaupt auf eine Metapher zurückgegriffen wird und nicht gleich der äquivalenten wörtlichen Aussage der Vorzug gegeben wird. Nun lassen sich wesentlich zwei verschiedene Arten der Substitution unterscheiden und entsprechend gibt es auch unterschiedliche Gründe für das Verwenden einer Metapher. Zunächst kann die Metapher anstelle eines wesentlich längeren und umständlicheren wörtlichen Ausdrucks stehen. In diesem Falle schließt sie pointiert eine Lücke in unserem Sprachgebrauch. Anders sieht es hingegen aus, wenn dem Fokus der metaphorischen Aussage ein ebenso kurzes wörtliches Äquivalent entspricht. Metaphern dienen in solchen Fällen aus stilistischen Gründen bloß der Dekoration und ihr Zweck ist Unterhaltung und Abwechslung. Wie gelangt man nun von einem metaphorischen Ausdruck zu seinem wörtlichen Äquivalent? Innerhalb dieses Ansatzes wird häufig der Versuch unternommen Metaphern auf Analogien oder Vergleiche zurückzuführen. Das bedeute, dass eine Metapher oft eigentlich ein verkürzter Vergleich sei oder dass sich hinter ihr eine Analogie verberge. Bei recht einfachen Metaphern mag dieser Erklärungsansatz erfolgreich sein. Dennoch kann er nicht angemessen die Vielschichtigkeit, die manche Metapher prägt, einfangen. Daher genügt dieser Ansatz nicht, um sämtliches Auftreten von Metaphern befriedigend zu erklären.
Wirklich hinterfragt wurde die Substitutionstheorie erstmals von I. A. Richards, dessen Gedanken Max Black aufgreift und in der Interaktionstheorie, deren Bezeichnung er einführte, weiterentwickelt. Black unterscheidet in einer metaphorischen Aussage Primär- und Sekundärgegenstand. Dabei versteht er unter dem Primärgegentand etwa das, wovon die Aussage „wirklich“ handelt, während der Sekundärgegenstand das ist, wovon sie wörtlich gelesen handeln würde. Sein Kerngedanke ist, dass die Sprecher einer Sprachgemeinschaft mit dem Primär- und dem Sekundärgegenstand eine Reihe von Assoziationen verbinden. In einem wechselseitigen Interaktionsprozess werden auf dem Hintergrund des Vorhandenseins des Primärgegenstandes einige der Eigenschaften des Sekundärgegenstandes ausgewählt und auf den Primärgegenstand projiziert. Damit geht einher, dass mit der Äußerung einer metaphorischen Aussage einige Aspekte des Primärgegenstandes besonders betont werden, während andere in den Hintergrund gedrängt werden. Das bedeutet, dass auf diese Weise unsere Ansicht vom Primärgegenstand organisiert wird.
Metaphern treten in äußert vielfältiger Gestalt auf. Daher wird kaum ein einziger Ansatz genügen, um sämtliche Vorkommen von Metaphern befriedigend zu erklären. Manchen Metaphern mag wohl die Substitutionstheorie nahe kommen, während andere dagegen besser über die Interaktionstheorie erfasst werden.
Welche Rolle nehmen nun Metaphern in einem interdisziplinären Dialog ein? Sowohl in der Theologie als auch in den Naturwissenschaften handelt unsere Rede häufig von Bereichen, die sich einer unmittelbaren direkten Wahrnehmung entziehen. Es ist weder möglich auf Elektronen noch auf Gott zu zeigen und damit entfällt die Möglichkeit einer ostensiven Definition. Dennoch gibt es gute Gründe unser Sprechen auch auf diese Bereiche auszuweiten, so dass wir nach anderen sprachlichen Zugängen suchen müssen. In diesen Fällen bieten sich Bilder und bildliche Rede an. Vergleiche, Analogien, Metaphern, Gleichnisse, Symbole oder Modelle eröffnen über vertraute Bildfelder assoziativ Wege bisher Unbekanntes uns Unentdecktes zugänglich zu machen. Dabei sind die Konnotationen der in diesem Zusammenhang bildlich eingesetzten Begriffe wesentlich. Denn eine solche bildliche Rede wäre missverstanden, wenn man sie wörtlich auf die Referenzobjekte bezöge. Sicher wandelt sich unsere Sprache im Laufe der Zeit, so dass eine ursprüngliche Metapher in den wörtlichen Sprachgebrauch übergehen kann. Gerade in solchen Fällen kann es aber in einem interdisziplinären Dialog passieren, dass ehemalige Metaphern wieder als Metaphern wahrgenommen werden. Denn das, was fachintern zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist es für Außenstehende noch lange nicht.
Von besonderer Wichtigkeit scheint mir aber die Frage zu sein, wie mit Metaphern umgegangen werden kann, die auch heute als Metaphern solch eine Lebendigkeit besitzen, dass sie sich nicht durch eine wörtliche Umschreibung vollkommen ersetzen lassen. Im Rahmen der Interaktionstheorie ergibt sich, dass wenn zwei Personen mit dem Primär- und dem Sekundärgegenstand recht unterschiedliche Assoziationen verknüpfen, auch ihre Deutungen der metaphorischen Aussage voneinander abweichen werden. Manche Metaphern ermöglichen es pointiert bestimmte Aspekte des Primärgegenstandes hervorzuheben, so dass ein Verzicht auf sie nicht bloß unsere sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch unsere Wege zu Erkenntnissen zu gelangen einschränken würde. Wie ist es allerdings möglich solche metaphorischen Erkenntnisse anderen Menschen zu vermitteln, denen die zugrunde liegenden Bildfelder zunächst fremd sind oder die diese Bildfelder anders belegt haben? Gelingen kann dieses Vorhaben nur dann, wenn man es schafft seinen Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen seine eigenen Assoziationen zu vermitteln, indem man ihnen die eigenen Kontexte nahe bringt. Dennoch lassen Metaphern Spielräume für mehrere Deutungen offen; denn die Interaktionstheorie legt nicht eindeutig fest, welche der Assoziationen bzw. Konnotationen von Primär- und Sekundärgegenstand miteinander interagieren. So bleiben allein dadurch, dass man verschiedene Konnotationen mit bestimmten Gegenständen verbinden kann und im zugehörigen metaphorischen Kontext herausgreifen kann, mehrere Wege metaphorische Aussagen zu verstehen. Daraus folgt allerdings nicht, dass das Metaphern-Verstehen Raum zu völliger Beliebigkeit und Willkür öffnet.
Der Gebrauch von Metaphern lässt sich zwar einerseits nicht mit der Eindeutigkeit sprachlicher Äußerungen verbinden, dafür bieten aber Metaphern andererseits Zugänge zu Bereichen, die über eine bloß wörtlich gebrauchte Sprache schwer zu erschließen sind.
Literaturangaben:
Black, Max: Die Metapher (1954). In: Haverkamp, Anselm (Hrsg): Theorie der Metapher, Darmstadt 1983, 55-79.
Black, Max: Mehr über die Metapher (1977). In: Haverkamp, Anselm (Hrsg): Theorie der Metapher, Darmstadt 1983, 379-413.
Haverkamp, Anselm (Hrsg): Theorie der Metapher, Darmstadt 1983.
[1] Anstelle von „Denotation“ wird in der Literatur auch von „Extension“ oder „Referenz“ gesprochen und für den Ausdruck „Konnotation“ ist es üblich auch die Ausdrücke „Intension“ oder „Bedeutung“ zu gebrauchen.
Ruth Böker, Berlin 03.06.2005
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