Evangelische Akademie im Rheinland

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Themenschwerpunkt 

Wirtschaft, Arbeitswelt und Sozialer Wandel

Die Aufgabe der Akademie liegt darin, das Gespräch über wirtschaftliche und soziale Zukunftsperspektiven auf einen bestimmten Focus zu lenken und das Grundsätzliche am Exemplarischen anschaulich zu verhandeln.

Der Akademiebereich bearbeitet die drei gesellschaftliche Schlüsselfelder, Wirtschaft, Arbeitswelt und sozialer Wandel exemplarisch in Tagungsvorhaben Hintergrundgesprächen und Publikationen und durch Vernetzung wichtiger Akteure. Da alle drei eng miteinander verbunden sind, geschieht die Auseinandersetzung mit den jeweils anderen häufig implizit.

Themenfeld Wirtschaft in der Akademie:
Chance zum Dialog zwischen ökonomischen Praktikern, Wissenschaftlern, Politikern, Interessensvertretern und Laien
 

Die Diskussionangebote über

  •  optimale nationale Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches und sozial ausgewogenes Wirtschaften im europäischen Kontext und unter den Bedingungen der Globalisierung,
  • die Wandlungen von Berufsanforderungen und die Zukunft der Arbeit,
  • Fragen der Beteiligungsgerechtigkeit in einer auf unabsehbare Zeit in Erwerbstätige und Erwerblose gespaltenen Gesellschaft,
  • individuelle Wirtschaftsethik (Moral Leadership), ethische Leitlinien der Betriebskultur (Corporate Governance Codes bzw. Corporate Integrity ) und Fragen der gesellschaftlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen (Corporate Social Responsibility),
  • die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Folgen des demographischen Umbruchs und die Generationensolidarität,
  • die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft und Herausforderungen der Wirtschaft- und Sozialpolitik (Rückgewinnung des Primats der Politik),
  • Ursachen von Marktversagen (Monopolbildungen, Schattenwirtschaft), Wirtschaftskriminalität und Korruption,
  • die Rolle staatlicher Interventionen, kirchlicher Wirtschafts-Kritik und den Einfluß anderer Nichtregierungsorganisationen auf wirtschaftliche Prozesse und die ökonomische Mitverantwortung der Verbraucher,
  • die Zukunft der Humandienstleistungen („Nächstenliebe im Wettbewerb?“) und Fragen der Wirtschaftlichkeit in Non-Profit-Unternehmen (wie z.B. Kirchen),
  • die ökonomische und politische Rolle großer Finanzagglomerationen (Versicherungen, Banken, Investmentgesellschaften)

werden dann am ergiebigsten, wenn ökonomische Praktiker, wissenschaftliche Analytiker, politische Mandatsträger und Interessenvertreter von Arbeit und Kapital ihre jeweiligen Blickwinkel und Erfahrungen in einen fruchtbaren Dialog mit interessierten Nichtfachleuten einbringen.

Impulsgeber der Akademie

Zu den besonders gefragten Gesprächspartnern und Impulsgebern der Akademie gehören darum Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte, Betriebsräte und Gewerkschaftler, Fachjournalisten und Sozialethiker. Eine Reihe von Tagungsprojekten entwickelt sich aus dem Gespräch mit  Zusammenschlüssen wie dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU) oder der Wirtschaftsgilde e.V. oder kirchlichen Arbeitsbereichen wie dem Amt für Sozialethik oder dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Zahlreiche Impulse verdanken wir einzelnen Gesprächspartnern aus der Wirtschaft, aus Verbänden und Instituten.  

Wirtschaft, Arbeitswelt und Sozialer Wandel: 
die prinzipielle Unterscheidung von Volkswirtschaft und Weltwirtschaft ist Vergangenheit

Die prinzipielle Unterscheidung von Volkswirtschaft und Weltwirtschaft ist Vergangenheit. Wirtschaftliche Entwicklungen in unserem Land sind zunehmend unmittelbar beeinflußt durch ordnungspolitische Rahmenvorgaben der Europäischen Union und durch komplexe transnationale Wechselwirkungen, die mit dem vielfach ungenauen Sammelbegriff „Globalisierung“ bezeichnet werden. Immer öfter und immer schneller finden sich selbst solche mittelständischen Betriebe, die ihren Radius früher möglicherweise nicht über den nationalen Bezugsrahmen ausgedehnt hätten, im weltweiten Wettbewerb wieder. Neben der Entgrenzung der nationalen Wirtschaftsräume verschieben sich die Gewichte zwischen den Wirtschaftssektoren (Produktion, Handel, Verwaltung und Dienstleistungen) und den gesellschaftlichen Leistungsbereichen Wirtschaft und Politik. Immer weniger Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt im produzierenden Gewerbe, immer mehr werden im hochqualifizierten Dienstleistungsbereich gebraucht.
Immer weniger lassen sich Wirtschaftsprozesse politisch beeinflussen, während wirtschaftliche Interessen immer stärkeren Einfluß auf politische Prozesse nehmen, ohne freilich dafür demokratisch legitimiert zu sein.
Insgesamt werden in zahlreichen Branchen durch effizientere Produktionsmethoden und elektronisch optimierte Logistikverfahren immer weniger arbeitende Menschen benötigt, um ein Unternehmen rentabel zu betreiben. Dieser Trend geht einher mit teilweise grotesken, ja zynischen Folgen. Das weltweite Angebot hochqualifizierter und zugleich billiger Arbeitskräfte und die Niedriglohnzonen in den südlichen und östlichen Randbereichen Europas bzw. in den Schwellenländern ziehen einen dramatischen Abbau von relativ einträglichen Arbeitsplätzen in Deutschland nach sich.

Wie sieht verantwortete unternehmerische Freiheit heute aus?

Manche Unternehmenslenker messen ihren Erfolg ausschließlich an nominellen Renditezuwächsen. Doch erfahrene Menschen aus der Finanzindustrie wissen um die Gefahr der Fixierung auf wenige Bilanzparameter. Sie warnen mit der Parole: „Gier frißt Hirn“ – oftmals leider vergeblich, wie manche spektakulären Zusammenbrüche und Regelverstöße dokumentieren.
Welche ethischen Orientierungen benötigen Marktakteure, um das menschliche Maß nicht zu verlieren?
Was bedeutet menschendienliches Wirtschaften unter den Bedingungen des Wettbewerbs?
Wie sieht verantwortete unternehmerische Freiheit aus?
Was ist sozial gerecht?
Wie verhält sich legitimer Eigennutz zum nicht weniger legitimen Gemeinwohlinteresse?
Welcher Stellenwert kommt kulturellen, spirituellen und ethischen Werten zu, die mit keiner noch so intelligenten Technologie „hergestellt werden“ können, wohl aber damit zerstörbar sind?
Arbeitnehmer sollen unternehmerische Tugenden entwickeln, also flexibler und risikobereiter werden. Erhalten sie dafür auch angemessene Anteile an den Gewinnzuwächsen ihrer Betriebe?
Unter welchen Bedingungen müssen Unternehmer wirtschaften, um erfolgreich zu sein?
Was bedeutet der beschleunigte Wechsel der Arbeitsbedingungen und der Wegfall von Einkommenssicherungen für die Lebensplanung von Arbeitnehmern und für ihre Familien?

Aus welchen verlässlichen Quellen schöpft unsere Gesellschaft die Ideale vom guten Leben?

Ökonomie geschieht nicht im luftleeren, will sagen: kultur- und wertfreien Raum. Gewinne wie Verluste, Fortschritte wie Zerstörungen, Wertschöpfung wie auch Wertvernichtung müssen von Menschen verantwortet werden, denn nur Menschen können wirtschaften, also planvoll und flexibel, bedürfnisorientiert und interessengeleitet kooperieren. Das Gelingen der „Wirtschaft des Menschen“ (Eilert Herms) hängt ganz entscheidend von politischen und weltanschaulichen Voraussetzungen ab, die die Wirtschaft selber nicht herstellen und mit den Methoden des Marktes bewerten kann. Wissen läßt sich produzieren und einkaufen - Bildung nicht. Regeln lassen sich durch Gesetze erzwingen - Verantwortung und Gewissen nicht. Opportunismus läßt sich durch finanzielle Anreize fördern - Integrität dagegen hat keinen Preis, obwohl diese Tugend derzeit höchste wirtschaftsethische und gesellschaftspolitische Wertschätzung genießt.

Damit steht die Frage nach den Grundlagen des Arbeitsethos im Raum. Aus welchen verläßlichen Quellen schöpft unsere Gesellschaft ihre Ideale vom guten Leben? Welches Menschenbild liegt unseren Wirtschaftskonzepten zugrunde? Das System der Sozialen Marktwirtschaft kann nur von Menschen zukunftsfest weiterentwickelt werden, die eine ganzheitliche Erziehung und umfassende Bildung genossen haben, die Kompromissfähigkeit als demokratische Tugend wertschätzen und nicht als Defizit beklagen, die das Denken in großen Zusammenhängen beherrschen und den Mut haben, die Folgen des eigenen Handelns von vornherein mit im Blick zu behalten.

Tagungen in der Akademie:
ein fairer Streit der Meinungen, um herauszufinden, was morgen noch trägt

In den Tagungen der Akademie zu Wirtschaftsfragen und zu den Entwicklungen in der Welt der Arbeit dient der faire Streit der Meinungen dazu herauszufinden, was morgen noch trägt. Zur Debattenkultur der evangelischen Akademie gehört die Erfahrung, daß Christen mit guten Gründen auch in Fragen der Wirtschafts- und Sozialethik verschiedener Meinung sein können, ohne daß dies den Respekt vor den Grundüberzeugungen des Andere aufhebt.

 


Peter Mörbel 24.02.2006


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