
Landespfarrer Peter Mörbel, Studienleiter mit den Themenschwerpunkten Wirtschaft, Arbeitswelt, Sozialer Wandel. Foto: Andre Zelck
Standpunkt
Christsein und Renditestreben
vertragen sich miteinander. Wenn Menschen nicht in Raffgier und Geiz verfallen.Verträgt sich Christsein mit finanziellem Renditestreben?
Die Frage ist nicht neu. Sie begegnet einem, wenn es um spekulative Geldanlagen geht, um unternehmerische Gewinnmaximierung und um Managergehälter. Neu ist die Lautstärke, in der sie auch in solchen politischen Lagern vernehmbar wird, die bisher nicht verdächtig waren, dem Renditestreben feindselig gegenüber zu stehen. Ein weiterer Befund macht nachdenklich: Der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer hat kürzlich seine neuesten empirischen Forschungsergebnisse zum sozialen Klima in Deutschland vorgestellt. Danach werden Grundsätze wie Einfühlsamkeit und Fürsorglichkeit immer mehr durch ökonomistisches Nützlichkeitsdenken zurückgedrängt. Heitmeyer findet solchen Gesinnungswandel insbesondere bei jungen, aufstiegswilligen Menschen.
Für die moralische Verurteilung von Renditestreben zu Lasten des sozialen Ausgleichs gibt die Bibel kräftigen Rückhalt. Auch haben prominente Vertreter der Glaubensgeschichte, etwa Martin Luther, in ihren Schriften und Predigten drastisch gegen grenzenlose Gier gewettert. Doch weichen die damaligen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen von den unseren so sehr ab, dass ihre Begründungen nicht einfach übertragbar sind. Luther stand selber mit seiner Auffassung über die notwendige Begrenzung überhöhter Gewinne mit einem Bein in der Antike und mit dem anderen im Mittelalter. Was er um sich her um erlebte, war überwiegend Selbstversorgerwirtschaft im Ständestaat. Das Marktgeschehen galt ihm als Nullsummenspiel. Renditen waren ihm darum stets wucherverdächtig.
Doch seither haben sich die Rahmenbedingungen der Wirtschaft weltweit grundlegend verändert, nicht zuletzt durch den Globalisierungsschub des letzten Vierteljahrhunderts. Das müssen wir ernst nehmen. Und wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass Renditestreben in der Bibel nicht durchweg negativ bewertet wird. Mindestens ein Jesus-Wort erhebt Rentierlichkeit geradezu zu einem Handlungsmuster für die christliche Existenz. Im „Gleichnis von den anvertrauten Pfunden“ sollen alle Vermögensverwalter Renditen erwirtschaften und erhalten dafür allerhöchstes Lob (Lukas 19, 11-27 / Matthäus 25, 14).
Gott stattet uns mit unterschiedlichen, einander ergänzenden Begabungen aus. Dazu zählt das Talent des Wirtschaftens, der Vermögensbildung und damit die Fähigkeit zur Eigenvorsorge. Wir sollen aus Gottes vielfältigem Startkapital in unserem Leben das Bestmögliche machen, ohne den Extremen der Raffgier und des Geizes zu verfallen. Da Vermögen im Laufe der Zeit inflationsbedingt an Wert verliert, muss zum Beispiel zur Altersvorsorge rentierlich angespart werden. Wir sollen zwar unser Herz nicht ans Geld hängen und dafür unsere sozialen Beziehungen vernachlässigen. Aber wir sollen auch nicht in den Tag hinein leben und in Kauf nehmen, dass uns dereinst die Gemeinschaft mit durchzieht. Voraus schauendes und ökonomisch sinnvolles Handeln ist kein entfesselter Kapitalismus. Renditestreben mit Augenmaß ist Christen durchaus erlaubt. Das christliche Leitmotiv einer guten Balance zwischen Gemeinwohl und Eigennutz kann auch Führungskräfte unterstützen, Herz und Hirn beieinander zu halten und Wirtschaft als Dienst am Menschen zu begreifen. Ich glaube, das lohnt sich – für alle.
Diesen Kommentar schrieb Landespfarrer Peter Mörbel, an der Akademie Studienleiter mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Arbeitswelt und Sozialer Wandel, 2008 für die Februar-Ausgabe des Magazins Chrismon plus Rheinland, die sich im Themenschwerpunkt mit nachhaltigen Geldanlagen beschäftigt.
Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung des Verlages.
Peter Mörbel 22.02.2008
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