Evangelische Akademie im Rheinland

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Ein großes Experiment der Wissenschaft 

Der Large Hadron Collider

(Bonn, 10.9.2008) In diesen Tagen wird der Large Hadron Collider (LHC) in Genf in Betrieb genommen.

Die Energieerzeugung dieser Anlage stellt alle vorher gebauten Beschleuniger in den Schatten. Mit dieser Anlage sollen eine Reihe unterschiedlicher Experimente durchgeführt werden.

Mit dem Experiment verbinden sich für viele Wissenschaftler große Hoffnungen. Ist der Betrieb des LHC ein weiterer Schritt zur Findung einer Weltformel, also einer vereinheitlichten Theorie der Physik, in der alle Grundkräfte vereint sind? Mit der Vorstellung von einer einheitlichen Theorie, einer großen Weltformel, geht aber auch eine Weltanschauung einher, die weitergehende Ansprüche auf eine vollständige Erklärung der Welt erhebt. Der Übergang von der Wissenschaft zur Weltanschauung liegt nah, wenn sich die Physik „letzten Fragen“ zuwendet. Das zeigte sich unter anderem auch an einflussreichen Veröffentlichungen etwa von Stephen Hawking.

„Nicht von ungefähr ist in den Medien in diesen Tagen in Verbindung mit dem LHC plötzlich von Gott die Rede“, so Dr. Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland. Kommen wir dem inneren Kern der Wirklichkeit mit diesen Großexperimenten näher? Können wir, wie Stephen Hawking es einmal formulierte, die Gedanken Gottes bei der Schöpfung nachempfinden, wenn wir die grundlegenden Formeln der Welt entdecken? Kritisch müsse hier die Theologie klarstellen, worum es wirklich geht, meint Vogelsang, dessen Arbeitsschwerpunkt der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist. Die Anspielungen auf Gott meinen nicht den biblischen Gott, sondern sind eine Metapher für fundamentale Aussagen über die Welt. Doch wie belastbar sind diese Metaphern? Haben wir alles über die Welt verstanden, wenn wir physikalische Formeln aufstellen können? Weiterhin: bislang hat die Wissenschaft mit einer Erkenntnis immer auch neue Türen zu unbekannten Regionen aufgestoßen. Kann man sich vorstellen, dass es eine letzte Theorie überhaupt geben kann, zu der es dann keine weiteren Fragen mehr gibt?

„Auch die Theologie ist keine 'Superwissenschaft'“, meint Vogelsang. Sie hat, wie auch die Physik, als menschliche Unternehmung einen begrenzten Erkenntniszugang. Beide Wissenschaften brauchen für ihre Arbeit Bilder, die sie voran bringen, die aber auch immer auch kritisch auf ihre Tragweite hin befragt werden müssen. Welche Rolle spielt das Bild von der Weltformel in der Ausrichtung und Gestaltung des Forschungsprozesses?

Eine Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Karl-Heim-Gesellschaft will sich am 21. und 22. November 2008 diesen Fragen stellen: „Die Weltformel: Der Gral der Moderne?“ Der Auftaktabend wird im Festsaal der Universität Bonn stattfinden. Dort werden der Physiker Prof. Dr. Klaus Desch und die Theologin Prof. Dr. Astrid Dinter zu den Erwartungen an den LHC diskutieren.

Kontakt:
Hella Blum
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Evangelische Akademie im Rheinland
Mandelbaumweg 2
53177 Bonn
Tel.: 0228 9523 208
Mail an Hella Blum 

www.ev-akademie-rheinland.de


HINTERGRUND:
Zum Large Hadron Collider

Das bekannteste Experiment zielt darauf, das Standard-Modell zu komplettieren und das letzte noch nicht nachgewiesene Teilchen, das Higgs-Boson, nachzuweisen, ein Teilchen, dessen Existenz bislang nur aus Berechnungen ermittelt werden kann. Um dies zu erreichen, müssen wesentlich größere Energien erzeugt werden, als das mit den bisherigen Beschleunigern möglich war.

Der Large-Hadron-Collider kann durch seine großen Ausmasse und durch die Fähigkeit, schwerere Teilchen zu beschleunigen, wesentlich höhere Energien erzeugen, als in den bislang gebauten Beschleunigern. Der Tunnel, in denen der neue Beschleuniger und die Messapparaturen untergebracht sind, wurde schon zuvor für den Large Positron Collider genutzt. Dieser konnte aber mit der Beschleunigung von Elektronen bzw. Positronen „nur“ Schwerpunktenergien bis zu 209 GeV erzeugen. Der Large Hadron Collider dagegen arbeitet mit Protonen oder gar Bleiionen, die wesentlich schwerer sind als Elektronen. Deshalb können hier Energien von bis zu 14 TeV ( das entspricht 14000 GeV) bei Protonen oder gar über 1000 TeV bei Bleiionen erzeugt werden. Damit stößt der Beschleuniger ein ganz neues Fenster der Beobachtung auf.

Mit der Inbetriebnahme des LHC sind einige kritische Stimmen laut geworden, die auf angeblich große Gefahren des Betriebes hinweisen. Nach ihrer Meinung besteht die Gefahr bei der Erzeugung eines kleinen schwarzen Lochs, einer extrem hohen Verdichtung der Masse, die nicht einmal mehr Licht nach außen dringen lässt. Diese Masse, so die Gegner des Experiments, könne dann, wie man es bei schwarzen Löchern im Weltall vermutet, von selbst zu wachsen beginnen, indem sie die umgebende Materie „aufsaugt“ und dadurch sich selbst anreichert und wächst. So könnte das Experiment die ganze Erde in Gefahr bringen. Die Befürchtungen werden aber von den allermeisten Wissenschaftlern als irrelevant abgelehnt. Ein Eilantrag an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist Ende August abgewiesen worden.

 


Frank Vogelsang 10.09.2008


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