16. - 18. März 2007
Profunde Theologie und Dialog sind die Antworten auf christlichen und islamischen Fundamentalismus
Gemeinsame Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland, des Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V. und der Beratungsstelle für christlich-islamischen Begegnung setzt Zeichen für einen neuen gemeinsamen DiskursDer Begriff des Fundamentalismus sei zwar unscharf und differenziere nicht klar genug zwischen Extremismus, Fanatismus, religiösen Wahn und letztlich Terrorismus, so der Hannoveraner Religionswissenschaftler und Theologe Professor Dr. Dr. Peter Antes. Der Begriff des Islamismus sei aber noch schwieriger, denn in der westlichen Welt werden ihm so unterschiedliche Strömungen wie die der gemäßigten Tugendpartei des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Traditionalisten des saudi-arabischen Wahhabismus oder die extremistischen Dschihadisten zugerechnet.
Prof. Dr. Elsayed Elshahed von der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien machte deutlich, dass in der islamischen Welt z.T. ein anderes Verständnis durch die Bezüge auf den Konservativismus (salafiya) und die Begrifflichkeit der traditionellen Gelehrten existiere, das eine deutlich positivere Konnotation habe. In der Auseinandersetzung mit den verschiedenen fundamentalistischen Ausprägungen im Islam sei die beste Antwort eine hermeneutische Theologie, die sich kritisch mit dem Koran befasse, so Professor Dr. Tahsin Görgün von der Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Eine Theologie des islamischen Fundamentalismus existiere nicht, so Görgün.
Im Vortrag von Professor Dr. Hans G. Kippenberg vom Max-Weber-Koleg in Erfurt über christlichen Fundamentalismus in den USA wurde deutlich, dass eine Reihe von Parallelen zwischen christlichen und islamischen Fundamentlisten existieren. In der heilsgeschichtlichen Fixierung auf Israel setze beispielsweise der Prämillenarismus der Pfingstgemeinden und Sieben-Tage Adventisten auf eine wörtliche Auslegung der Offenbarung des Johannes. Die Heraufbeschwörung einer apokalyptischen Endschlacht findet sich jedoch auch in ähnlicher Form bei islamistischen Extremisten wieder. Fatal wirkt sich, nach Kippenberg, der zunehmende Einfluss christlich fundamentalistischer Kreise auf die US-Amerikanische Politik aus. Seit Ronald Reagan sei er kontinuierlich gewachsen und habe mit den Reaktionen auf die Attentate vom 11. September 2001 eine Entsäkularisierung eingeleitet, die in der islamischen Welt als Kreuzzug wahrgenommen werde.
Mehrfach wiesen die Experten darauf hin, dass Fundamentalismus sowohl im Islam als auch im Christentum eine Reaktion auf die Moderne ist. Die Globalisierung mit der Liberalisierung der Weltmärkte habe die Lücke zwischen Arm und Reich besonders in den ärmsten Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas vergrößert, so die Publizisten Frank Kürschner Pelkmann und Erhard Brunn. Dies führe zu einem großen Zulauf zu Fundamentalisten in diesen Ländern, die mit Heilsversprechen Hoffnung und Orientierung gebe. Die Perspektivlosigkeit der Menschen verschärfe sowohl den innerkirchlichen, den innerislamischen als auch den interreligiösen Diskurs. Beide Religionen setzen sich mit Fragen der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung auseinander, so dass sie auf politische und soziale Missstände reagieren müssten. Hier bestehe aber auch eine Chance, beispielsweise in der gemeinsamen Entwicklungszusammenarbeit.
Die Rückständigkeit in Bildung, Technik und Rechtsstaatlichkeit treffe die islamischen Entwicklungsländer umso stärker, weil sie von Muslimen im Blick auf die glorreiche Vergangenheit im Mittelalter als besonders schmerzlicher Niedergang empfunden werde, betonte der Berliner Nahostexperte und Islamwissenschaftler Dr. Michael Lüders. Seiner Einschätzung nach werde dies im Westen zuwenig wahrgenommen ebenso wie uneingelösten Versprechen des Westens, für Freiheit und Demokratie und Wohlstand zu sorgen. Dadurch sei viel Vertrauen verspielt worden. Die Perspektivlosigkeit setze sich auch in den Einwanderungsländern in Europa fort, wo Muslime häufig zur Unterschicht gehörten und hohe Arbeitslosigkeit weit verbreitet sei. Wenn es der Mehrheitsgesellschaft nicht gelänge, klare Angebote zu machen und Visionen einer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln, seien weitere Probleme vorprogrammiert, so Lüders.
Dr. Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin wies zum Schluss der Tagung darauf hin, dass man zur Kenntnis nehmen müsse, dass Religion pervertierbar sei. Dabei handele es sich aber um Prozesse, die auch umkehrbar seinen. Die Fluktuation bei Fundamentalisten sei hoch, weil die ersehnten Antworten und Perspektiven nicht immer den Erwartungen entsprächen.
Eine profunde Theologie, die sich wieder stärker mit den Heiligen Schriften auseinander setzen müsste, sei der richtige Weg, um sich mit der apologetischen Rhetorik von Fundamentalisten klar und fundiert auseinander zu setzen. Außerdem müssten es mehr politische Analysen geben, die fundiert Ursachen und Wechselwirkungen benennen. Der Generalsekretär der ZMD, Aiman Mazyek betonte, dass es zum Dialog sowohl innerhalb als auch zwischen den Religionsgemeinschaften keine Alternative gebe. Er wünsche sich mehr Mut dazu unter den deutschen Muslimen.
Schließlich so gab Professor Antes im Abschlusspodium zu bedenken, bestehe für das aufgeklärte europäische Christentum in der Auseinandersetzung mit dem Islam die Chance, sich wieder daran zu erinnern, dass es eigentlich eine Religion und keine Wissenschaft sei. Der Islam hingegen könne vom kritischen und analytischen Umgang mit der Bibel etwas lernen.
Nach Abschluss der Tagung hoben die Veranstalter hervor, dass der gemeinsame kritische Diskurs auf viel Zustimmung der Tagungsteilnehmer gestoßen sei. Es habe viel Ermunterung für die Fortsetzung der Behandlung gerade auch kritischer Themen gegeben. Dabei sollten auch ökumenische Perspektiven stärker berücksichtigt und mit Einladungen an die Katholische Kirche und weitere islamische Verbände verbunden werden.
Ein Zeichen der interreligiösen und interkulturellen Begegnung setzte auf der Tagung zusätzlich der Auftritt der Erhard Ufermann Band gemeinsam mit dem Baglama-Spieler Ercan Sahin sowie die Foto-Ausstellung des jungen Foto-Künstlers Till Engels „Muslimische Leben in Deutschland“.
Kontakt:
Hella Blum
Evangelische Akademie im Rheinland
Haus der Begegnung
Mandelbaumweg 2
53177 Bonn
Tel.: 0228 9532-208
Fax: 0228 9523-250
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Jörgen Klußmann 19.03.2007
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