Evangelische Akademie im Rheinland

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Roland Schüler 

Stellungnahme des Friedensbildungswerks Köln e.V.



Bemerkenswert an dieser Erklärung ist die ausführliche und gute theologische Erklärung „Der Gott des Friedens und der Friede Gottes“. Der Wert liegt in der Tiefendimension des Friedens als Heilige Dreieinigkeit und damit wird Frieden mehr als nur ein Wort – Frieden ist eine zutiefst christliche Haltung, die Tun und Sein, Bewusstsein und Geist umfasst.

Auf dieser Grundlage hat sich das Friedensbildungswerk besonders das Kapitel 2 „Im Namen Christi: Die Kirche als Gemeinschaft und Werkstätte für die Erbauung des Friedens“ angeschaut. Hier finden sich die Parallelen zu unserer Arbeit.

Das Friedensbildungswerk Köln ist 1982 von der damaligen Friedensbewegung gegründet worden. In diesen Jahren gab es weltweit Proteste gegen die atomare Aufrüstung durch Mittelstreckenraketen und die Fragen von Frieden und Sicherheit wurden breit diskutiert. Ein soziales Lernen fand statt. Dieses soziale Lernen wollten Menschen aus der Friedensbewegung mit einer Struktur unterstützen: dem Friedensbildungswerk, eine vom Land Nordrhein- Westfalen anerkannte Einrichtung der politischen Erwachsenenbildung. Wir haben zu allen Fragen des Friedens, der Sicherheitspolitik und des Militärs öffentliche Veranstaltungen und Seminare durchgeführt. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit seit Anfang der neunziger Jahre ist die Kenntnis und die Trainings über  Mediation  als gewaltfreie Konfliktbearbeitung mittels Gespräch und einer gemeinsamen Lösung. Auch hierbei ist es wichtig, dass die Menschen nicht nur ein WERKZEUG erlernen, wie sie konstruktiv mit Konflikten umgehen können, sondern dass sie eine Haltung einnehmen, die sie gewaltfrei leben lässt.  Menschen aus unserer Fortbildung arbeiten überall zu Konflikten, in der Familie, Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im In- und Ausland. In unserer Arbeit besonders in Schulen zeigen wir der jüngeren Generation auf, dass es noch andere Wege zur Konfliktbearbeitung und –lösung gibt. Damit erhalten sie Handlungsoptionen.  Sie müssen in einer umfassenden Friedenserziehung (61) geschult werden. Diese Erkenntnis gilt ebenfalls für die Kirchen. Sie sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten  (62),  von der Arbeit im Kindergarten über den Konfirmandenunterricht, die Sonntagsschulen bis hin zur Jugend- und Erwachsenenarbeit, die Friedenserziehung einfließen lassen.

In meiner Arbeit werde ich öfter von Pfarrern und Pfarrerinnen, MitarbeiterInnen der Kirche angesprochen. Sie machen in unserem Hause eine Mediationsfortbildung und wünschen sich dann, dass dieser Geist der Konfliktbearbeitung auch in ihrem Umfeld der Kirche und innerhalb der Kirche stattfindet. So werde ich eingeladen, einen Prozess der Veränderung innerhalb eines Kirchenkreises konstruktiv zu gestalten, so dass die möglichen auftretenden Konflikte frühzeitig angesprochen werden können und konstruktiv bearbeitet werden.  Denn Veränderungen bergen immer Konfliktpotential. Doch schon im ersten Gremium gibt es Widerstände und Unwillen, sich auf einen solchen Prozess einzulassen. Lieber bleibt man in den bekannten Bahnen und lässt es so zum Konflikt kommen. Der Geist vom Frieden muss innerhalb der Kirche für alle vorgelebt werden und verinnerlicht sein. (60/62))

Einer unserer Schwerpunkte der Arbeit mit Mediation/Streitschlichtung ist seit gut zehn Jahren den Menschen mit einer Behinderung, auch denen mit geistiger Behinderung, einen Weg aufzuzeigen, Konflikte anders anzugehen und zu lösen. Die Streitschlichtung von und mit Menschen mit geistiger Behinderung bereichert unsere Arbeit. Denn diese Menschen geben einem offen ihre Dankbarkeit zurück - ihre Dankbarkeit dafür, dass ihnen geholfen worden ist, mit sich selbst und ihrer Umwelt in Frieden zu leben. Für sie ist Unfrieden immer eine Zerstörung der Harmonie – der inneren wie äußeren. Ihr innerster Wunsch nach Leben in Harmonie wurde zerstört und es gab für sie meist keinen Weg, diese wieder herzustellen. Mit der Streitschlichtung haben sie einen Weg bekommen.
Die Kirche sollte den Weg zur Harmonie im Inneren und Äußeren, somit zum Frieden viel stärker wahrnehmen.


Kirche als prophetisches Zeichen bei der Erbauung des Friedens.   (56/57)

„Als prophetisches Zeichen sind Kirchen aufgefordert, Ungerechtigkeit anzuprangern.“
Gestern Abend hat das Friedensbildungswerk einen Abend zu „60 Jahre Sozialer Friede und nun?“ veranstaltet. Die Frage von Gerechtigkeit und die Frage von Frieden gehören zusammen. Der Friedensbegriff, der in dieser Schrift betont wird, ist ein Frieden, der gerecht ist. Frieden ist aber mehr – in der Gerechtigkeit ist der Frieden. Wenn es zu einer gerechten Verteilung kommt, wenn die Schere zwischen Arm und Reich – egal wo auf der Welt – nicht verringert wird, so liegt in der Ungerechtigkeit die Gewalt, die sich entlädt. Schauen wir uns doch mal die Aufrüstung der Polizei hier in der Bundesrepublik an, ebenso wie in fast allen Ländern der Welt. Ich rede nicht vom Polizisten, der Polizistin an der Ecke, ich rede von den aufgerüsteten PolizistInnen. Dafür gibt es überall Geld. Schauen wir uns gleichzeitig mal die Schulen an, hier in der Bundesrepublik wie überall in der Welt an. Für Bildung gibt es wenig Geld, weniger als für eine Polizeiaufrüstung.
So soll eine bewaffnete Ruhe hergestellt werden angesichts der Ungerechtigkeit. Die Gleichheit von Gerechtigkeit und Frieden muss in dieser Schrift deutlicher hervorgehoben werden.


„Kirchen müssen bereit sei, ständig ihr Handeln – und ihr Nichthandeln – im Licht ihrer friedenspolitischen Berufung überprüfen, um zu sehen, ob sie als glaubwürdige Stimmen für Gottes Wirken in der Welt dienen können.“
Ich betone hier ausdrücklich das NICHTHANDELN.

Hier fehlt mir in der aktuellen Zeit ein glaubwürdiges Wort der Kirche zum Frieden. Wenn sie Frieden so versteht, wie sie es in Kapitel 1 darlegt, dann hätte Kirche schon lange ein prophetisches Zeichen bei der Erbauung für Frieden in Afghanistan oder Somalia sagen müssen. Hier meine ich ausdrücklich die deutsche evangelische Kirche. Sie hat eine Verantwortung  angesichts der ersten deutschen Kriegsbeteiligung seit 1945. Als ich die Erklärung zum ersten Mal zur Vorbereitung in meinem Urlaub Mitte Juli 2009 las, haben gerade Panzer der Bundeswehr auf Zivilisten geschossen. Da wartete ich schon auf eine Stellungnahme der Kirchen. Heute werden über 80 Menschen, dar-unter auch Zivilisten,  durch eine Bombardierung getötet, obwohl es keine direkte Be-drohung der Bundeswehrsoldaten gab.  Kirche ist gefordert, für den Frieden aller Men-schen einzutreten und diese Gewaltanwendungen anzuklagen und für eine friedliche Konfliktlösung einzutreten. (Hinweis hierzu siehe 96).

Wir Menschen in aller Welt brauchen die Kirchen. Sie sind überall in der Welt, sie sind bei den Menschen. Sie können ihr Netzwerk, ihre Kraft und ihren Einfluss viel stärker nutzen, um eine friedliche und gerechte Entwicklung einzuklagen.  Sie können frühzeitig (präventiv) (60) in Vor-Konflikt-Situationen handeln, indem sie „rechtzeitig, konsequent“  und weltweit „auf repressive und ungerechte Strukturen und Praktiken hinweist, die Unmut erzeugen, welcher wiederum zur gewaltsamen Konfrontation führt.“  Diese Aufgabe, angesichts der globalen Konfliktentwicklungen und  Konfliktverstrickungen (siehe Bundeswehreinsätze im Kongo, Somalia, Kosovo, Afghanistan usw,) muss  stärker betont werden. Kirche als prophetisches Zeichen bei Vor-Konflikt-Situationen wird gebraucht. 


Unklar wird die Schrift im Kapitel 3 „Auf dem Weg zu einem gerechten Frieden – Handlungsräume des kirchlichen Engagements“

In unserer Arbeit begegneten und begegnen uns immer wieder Menschen in der Kirche , die sich sehr für den Frieden einsetzen, die den Frieden leben. Wir treffen auf Teile von Kirchen. Wir arbeiten mit kirchlichen Organisationen zusammen, die sich dem Frieden UND der Gerechtigkeit verschrieben haben – wie im Zivilen Friedensdienst, bei Südwind, beim EED. Wir erleben viele Inseln des Friedens und des Friedensengagement. Ist das schon Kirche? Ist damit die Kirche gemeint, von der in dieser Schrift die Rede ist.  Ist die Summe der Einzelnen schon die Summe des Ganzen? Oder gibt es da mehr Kirche?
Wer genau ist der Adressat dieser Schrift?

Wie wird der Friedensbegriff, der der Erklärung zugrunde liegt, allumfassend, von jeder und jedem Einzelnen in der Kirche, über die Organisationen und Strukturen der Kirche bis zur gesamten Kirchen?
Darauf wären Antworten sehr gut. 

Um die guten Werkzeuge des Kapitels 2 sinnig und richtig anwenden zu können, dazu bedarf es einer Klarheit in der Haltung. Ist die Haltung der Kirche eine pazifistische?  Eine Haltung, die sagt, dass jede Form der Gewaltanwendung weg vom Frieden führt und keine Lösung sein kann. Dass das Denken in Gewaltkategorien nicht zum Frieden führt, sondern immer wieder zu neuer Ungerechtigkeit und Gewalt. (96). Folglich können wir den Satz unterstreichen:  „Solange Arbeit am Frieden ein Unteraspekt des Kriegsdenkens ist, bleiben die Begabungen beim Aufbau des Friedens und die große Mehrheit der Friedensstifter irrelevant“ (98). Die Arbeit am Frieden und für Frieden und Gerechtigkeit ist der zentrale Aspekt der Kirche. Es ist nicht nur ein Denken in Friedenskategorien nötig, das ist zu wenig. Im Sinne des ausgeführten Friedens der Erklärung zum Frieden und der daraus folgenden Haltung, der Herzensbildung (soul-craft), muss die Schrift den pazifistischen Gedanken für den Frieden als den einzigen Gedanken herausstellen. Da ist Kirche noch weit entfernt.  Diese Schrift legt durch ihren Ansatz dafür aber den Grundstein.


Köln/Bonn 11./12. September 2009

Roland Schüler ist Geschäftsführer des Friedensbildungswerk Kölns und Mitglied im Vorstand. www.friedensbildungswerk.de
Er ist Teilhabender der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung.
Er ist Mediator BM und anerkannter Ausbilder Mediation des Bundesverband Mediation (BM)   
 
Anmerkung: Die Nummern in Klammern beziehen sich auf die Nummern in der Erklärung.           


Roland Schüler 16.10.2009


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