
Ulrike Chini
Kommentar aus Sicht der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit
I.
Als erstes möchte ich kurz auf die Entstehungsgeschichte von Oikocredit zurückgreifen, denn sie ist für das Verständnis meiner Kommentare unerlässlich. Dazu stelle ich ein Zitat aus der Meditativen Einleitung des Entwurfs an den Anfang:
„Gott dringt von unten her in die Teufelskreise von Gewalt und Gier, Abhängigkeit und Elend.“ (S. 7, 4.)
Oikocredit ist ein Produkt der 4. Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1968 in Uppsala. Diese Zeit war u. a. geprägt von: Vietnam-Krieg, Apartheid-Regime in Südafrika, Ausbreitung multinationaler Konzerne mit ihren negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, wachsende Armut und Enttäuschung über zwei Dekaden von Entwicklungshilfe, die nicht wirklich zur Beseitigung der Armut in der Zwei-Drittel-Welt beigetragen hatten. In diesem Kontext schuf der ÖRK in einem mutigen Schritt zwei Initiativen:
- das Programm zur Bekämpfung des Rassismus (PCR) und
- über die Kommission für kirchlichen Entwicklungsdienst (Commission on the Churches’ Participation in Development, CCPD) die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft, heute Oikocredit.
Beide Initiativen waren konzipiert als Antwort der Kirchen auf die globalen Herausforderungen der damaligen Zeit, die damit dem Motto folgten: „Gute Propheten beklagen nicht nur, was falsch läuft, sondern weisen auch den Weg in die richtige Richtung.“ Anders ausgedrückt, es war das Anliegen der Kirchen, ein politisch glaubwürdiges Profil zu zeigen. Und beide Initiativen hängen miteinander zusammen: Dem Aufruf, das Apartheidsregime zu bekämpfen und Investitionen aus Südafrika abzuziehen bzw. dem Apartheidsregime keine Kredite mehr zu gewähren, wurde mit einem kircheneigenen Finanzinstitut eine handlungsorientierte Alternative gegenübergestellt.
Mit Oikocredit hat der ÖRK eine Institution geschaffen, die ein eindeutiges Gegenmodell zu damals herrschenden Strukturen der Gewalt und zu der Praxis kirchlichen Handelns darstellte.
Über Oikocredit sollte die Option für die Armen realisiert werden. Ganz konkret über die Anlagepraxis, aber auch mehr theoretisch als Lernmodell, um die Reflektion über ein gerechteres Finanz- und Wirtschaftssystem zu fördern.
Was beinhaltet dieses Gegenmodell?
- ein anderes wirtschaftliches Denken (Orientierung am Menschen, am Gemeinwohl und nicht an Profit),
- gleichberechtigte Beziehungen (Genossenschaft, Teilen von Macht und Geld),
- das Recht auf bezahlbare Finanzdienstleistungen für bis dahin ausgegrenzte Menschen,
- Abkehr von der kirchlichen Praxis der Reparaturmaßnahmen in Form von Spenden hin zu Präventivmaßnahmen.
II.
Aus der soeben skizzierten Entstehungsgeschichte wird deutlich, dass sich meine Kommentare nicht so sehr an der Theorie sondern stärker an der Praxis orientieren und sich dem Schwerpunkt ‚Gerechtigkeit’ zuwenden. Und da finde ich den Entwurf schwach und weit weniger mutig bzw. prophetisch als vorangegangene Erklärungen oder Aktivitäten.
1. Als erstes stelle ich ein Ungleichgewicht zwischen den Aspekten Gerechtigkeit und Frieden fest, bzw. es wird in der Analyse nicht deutlich, dass Gerechtigkeit Voraussetzung für Frieden ist. Es wird zwar an einigen Stellen gesagt, dass „Friede die Frucht der Ausübung von Gerechtigkeit ist“ (16) oder dass „Friede die Auswirkung der Gerechtigkeit“ (14) ist, aber in weiten Teilen der Erklärung fehlt eine genuine Verknüpfung von Gerechtigkeit als Voraussetzung von Frieden. - In Abschnitt 59 werden „bewaffnete und gewaltsame Konflikte“ neben „soziale Konflikte“ gestellt, aber von wirtschaftlichen Konflikten ist gar nicht die Rede. Gerade in Kapitel 2, das die Aufgabe der „Kirche als Gemeinschaft und Werkstätte für die Erbauung des Friedens“ thematisiert, sollte die Aufgabe der Kirchen bei der „Ausübung von Gerechtigkeit“ (16) eine zentrale Rolle spielen.
Der Entwurf ist in sich nicht kohärent, wenn er einerseits den Anspruch vertritt, Frieden als Folge von Gerechtigkeit zu postulieren, aber andererseits dieser Voraussetzung von Frieden so wenig Raum gibt bzw. keine analytische Verknüpfung herstellt.
2. Ich finde den Titel „gerechter Friede“ bereits irreleitend. Rein sprachlich liegt der Schwerpunkt auf dem ‚Hauptwort Frieden’, „gerecht“ ist nur ein Attribut. Es mag bestimmt viele gute Gründe gegeben haben, diesen Titel zu wählen. Aber das Ergebnis zeigt mir, dass anscheinend auch die Autoren dieser Erklärung durch diesen Titel zu einer friedensethischen Betrachtung geleitet worden sind.
3. Die Erklärung bleibt in weiten Teilen deskriptiv, aber kaum analytisch. Ursachen für Ungerechtigkeit, wie der ungebremste Kapitalismus des neoliberalen Wirtschaftssystems, werden nicht benannt. (In 12 heißt es z.B. „Bewegungen und Mächte ... die das Überleben unserer Welt bedrohen“, wie z.B. „die gähnende Kluft zwischen Arm und Reich“.) Es ist stellenweise die Rede von Macht(missbrauch), den Mächtigen, aber konkrete Täter, die verantwortlich für Strukturen der Ungerechtigkeit sind, werden nicht benannt.
4. In den Kontext der fehlenden Analyse passt auch, dass Kirchen stark zur Heilung und Versöhnung aufgerufen werden, aber weniger zur Prävention von Strukturen der Gewalt.
5. In Abschnitt 69 und 70 wird gesagt, dass Kirchen aufgerufen sind, sich „als moralische Stimme“ für strukturelle Veränderungen einzusetzen, auf politischer, persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. Aber die Praxis eigenen Handelns der Kirche als Akteur innerhalb des Wirtschaftssystems wird nicht thematisiert. Die Analyse der eigenen Verstricktheit in Strukturen der Ungerechtigkeit ist unerlässlich, um auch Hindernisse zu erkennen, die Veränderungen verhindern. Nur mit Veränderungen im eigenen Handeln können Kirchen ein politisch glaubwürdiges Profil erlangen.
Vage könnte die Reflexion eigenen Handelns in Abschnitt 67 anklingen, wo es heißt, dass Kirchen in der Lage sein müssten, „die Wahrheit über sich selbst zu sagen“. Da jedoch das ganze Kapitel ab 58 ff unter dem Aspekt „Friedenserziehung“ im klassischen Verständnis steht, glaube ich nicht, dass hier eine Erziehung von Kirchen zu wirtschaftlicher Gerechtigkeit gemeint ist.
6. Kirchen sind aufgerufen, sich am Aufbau von Institutionen zu beteiligen, die gerechten Frieden befördern. Eine Rückbesinnung auf Institutionen, die Kirche bereits geschaffen hat, wie nämlich z.B. Oikocredit, wäre m.E. genauso wünschenswert.
7. Als letzten Punkt möchte ich betonen, dass Gewalt und Ungerechtigkeit gegen Frauen explizit kaum Erwähnung finden. (s. 99) Dabei sind 75 Prozent der weltweit Armen Frauen, ist die Gewalt gegen Frauen sehr oft männlich dominiert.
III.
Welche Empfehlungen leite ich aus dem eben Gesagten ab?
1. Gerechtigkeit als Voraussetzung für Frieden sollte in den Mittelpunkt gerückt werden, konkret, analytisch begründet, die Praxis kirchlichen Handelns reflektierend.
2. In 12. heißt es „Dieser Zeitpunkt (heute) ... ist ein Kairos, weil wir sehen, dass sich die Welt ... in einer kritischen Situation befindet“.
Warum nicht den „Kairos“ der jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise als konkretes Beispiel nehmen, um Strukturen wirtschaftlicher Gewalt zu analysieren, Täter und Opfer zu benennen und Alternativen aufzuzeigen? Das würde anknüpfen an bewährte Traditionen der Ökumenischen Bewegung und den Kirchen Glaubwürdigkeit verleihen.
Ulrike Chini
Oikocredit
Westdeutscher Förderkreis
53113 Bonn
www.oikocredit.de
Ulrike Chini 16.10.2009
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