Evangelische Akademie im Rheinland

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Wolfgang Hunecke "Figuren" (1993); Mischtechnik auf Papier, ca. 60 x 80 cm
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Wolfgang Hunecke "Figuren" (1993); Mischtechnik auf Papier, ca. 60 x 80 cm

Zu Werk und Vita 

Wolfgang Hunecke

Von November 2006 bis in den Februar 2007 zeigte die Evangelische Akademie im Rheinland Arbeiten des Bonner Künstlers Wolfgang Hunecke.

Zur Ausstellung:

Zwei unterschiedliche Formen der „Spurensuche“ im  Oeuvre von Hunecke zeigte seine Ausstellung "Spuren".

Zum einen geht Hunecke von gegenständlich vorhandenen Spuren aus: In seinen Abdrücken, Frottagen, abgenommen von präkolumbianischen Felszeichnungen in Nicaragua, sogenannten Petroglyphen, zeichnet Hunecke Menschheitsspuren nach und tritt in einen künstlerischen Dialog mit ihnen. „Eine künstlerische Zusammenarbeit sozusagen über die Jahrhunderte“, so beschreibt er diese Arbeiten.  

Die zweite gezeigte „Spurensuche“ ist  zeitlos und gegenwärtig zugleich. Sie thematisiert Grundsituationen des Menschseins, wie es bereits in den Titeln dieser Bilder anklingt: „Köpfe, Figuren, Begegnungen“. „Es geht hier um die Suche nach den unterschiedlichen Vorstellungen, die der Mensch von sich, von seinen Mitmenschen und vom Göttlichen hat“, umreißt es Dr. Rüdiger Sareika, Iserlohn, in seiner Würdigung anlässlich der Eröffnung der Ausstellung. Für seine auf Form, Linie und Fläche reduzierten, farbigen Bilder wählt Hunecke ganz unterschiedliche Techniken: Die Monotypie, ein spezielles Druck- und Prägeverfahren, nutzt er ebenso wie verschiedene Mal- und Zeichentechniken. Ein öfter zu findendes Motiv sind sich überlagernde Gesichter: „Mit diesem Motiv beschäftige ich mich bereits seit über 20 Jahren“, so Hunecke. Das Thema der menschlicher Grundsituationen setzt sich fort in seinen Skulpturen. Einige Figurengruppen aus Bronze und Edelstahl sind in der Ausstellung ebenfalls zu sehen.

Über den Künstler:

Der 1950 geborene Hunecke ist Mitglied im Bundesverband Bildender Künstler und Mitbegründer des „Atelier im Baumhaus“ in Bonn, einer seit 1978 bestehenden Kunst- und Kulturinitiative. Darüber hinaus engagiert er sich in Nicaragua, im Rahmen der von Ernesto Cardenal und Dietmar Schönherr ins Leben gerufenen Stiftung „Pan y Arte“. In der „Casa de los tres Mundos“ (Haus der drei Welten) in Granada baute Hunecke 1989 eine Grafikwerkstatt auf, die er bis heute  betreut.

Er hat Theologie und Sozialwissenschaften studiert, seit 1970 arbeitet der Autodidakt künstlerisch. „Somit entspricht sein interdisziplinärer Ansatz ganz der Vorstellung, dass Religion und Kunst zwei Seiten einer Münze sind“, deutet es Sareika. Ausstellungen mit Werken von Hunecke waren z.B. im kurfürstlichen Gärtnerhaus in Bonn, bei der „Bonner Kulturnacht“ in der Bundeskunsthalle, im Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, aber auch außerhalb des Rheinlands, so z.B. in Saarbrücken, zu sehen.

  • Mehr zu Wolfgang Hunecke finden Sie hier.   
  Petroglyphenfrottagen aus Nicaragua
Eine Einführung von Wolfgang Hunecke

Nicaragua - das Land

Wo ist eigentlich Nicaragua? Wie kommt man nach Nicaragua? Und warum eigentlich?
Das lässt sich natürlich nicht in 5 Minuten erklären und deshalb brauche ich auch zehn.

Nicaragua liegt in Mittelamerika, zwischen Honduras und Costa Rica,  zwischen dem Pazifik und dem Karibischen Meer,  Die Landfläche ist ca. 120 000 Quadratkilometer, dazu 9000 Quadratmeter Seenfläche. ( 3x so groß wie die Schweiz, und die Hälfte an Einwohnern.) Der Große See von Nicaragua ist etwa 15 x so groß wie der Bodensee.

Im großen See, der ein Süßwassersee ist, leben drei Arten von Fischen, die sonst nur als Meeresbewohner bekannt sind, zum Beispiel eine Haiart.

Nicaragua - die Geschichte

Wenn man sagt, Nicaragua sei vor 500 Jahren entdeckt worden, so spiegelt das natürlich nur die europäische Sicht auf die Geschichte, näher an der Wahrheit ist man sicher mit der Feststellung, dass vor 500 Jahren der Massenmord an der Urbevölkerung begonnen hat. Im Jahr 1552 erfahren wir z B. von Bartholome de las Casas in seinem  berühmten Bericht über und gegen die Ausrottung der Urbevölkerung, dass nunmehr im gesamten Nicaragua nur noch 4-5000 Menschen leben. Afrikanische Sklaven müssen die landwirtschaftliche Produktion sichern. Immer wieder gab es Aufstände der Urbevölkerung gegen die neuen Herren. Im 19. Jahrhundert verfestigt sich der Macht- und Kontroll- Anspruch der USA  - parallel zum Zerfall der alten Kolonialreiche Spanien und Großbritannien.

Um 1900 hatten dann nordamerikanische Firmen die Kontrolle über fast den gesamten Handel. Die USA-hörigen Regierungen – ein Präsident Diaz, war zB zuvor Buchhalter einer nordamerikanischen Minengesellschaft, übergeben das Land mehr und mehr in die Hände nordamerikanischer Banken bis hin zur Verpfändung staatlicher Zolleinnahmen. Oder der USA auf „ewige Zeiten“ (so im Vertragstext ) für 3 Mil. Dollar die Rechte zum Bau eines Kanals vom Atlantik zu Pazifik.

Widerstand wurde niedergeschlagen, der General Sandino zieht sich mit 30 Soldaten in die Berge zurück, und in den Jahren 1927 bis 33, der Zeit, in der wieder einmal nordamerikanische Besatzung für Ruhe und Ordnung sorgen wollte, entwickelte sich der Mythos Sandinos in vielen Guerillaaktionen gegen diese Besatzung.

Die USA zieht 1933 ihre Truppen ab, nachdem sie ihren Vertrauten Luis Somoza García zum Befehlshaber der Nationalgarde gemacht haben.

1934 legt Sandino nach dem Abzug der USA die Waffen nieder und wird nach der Zeremonie auf Veranlassung Somozas ermordet.

Von jetzt bis 1979 beherrscht die Familie Somoza -1956 hatte der Sohn die Macht übernommen, - mit Hilfe der Nationalgarde das Land und errichtet mit Raub und Korruption und der Unterstützung der nördlichen Freunde eines der größten Wirtschaftsimperien Lateinamerikas. Ein Land im Familienbesitz.

Währen die US-Firmen sich allmählich aus dem Land zurückziehen – ihre Bananenplantagen, ihr Raubbau  an Gold., Silber und Edelhölzern habe einen großen Teil des Urwaldes zur unfruchtbaren Steppe gemacht, formiert sich der Widerstand in der sandinistischen Front der nationalen Befreiung FSLN. 1972 legt ein Erdbeben das Zentrum der Hauptstadt in Schutt und Asche. 10 000 Tote. Jetzt dreht der Somozaclan durch. Internationale Hilfsgelder wandern in die Privattaschen der Familie, Somoza steigt ins Baugewerbe und ins Bankengeschäft ein.

Der Widerstand in der Bevölkerung wird mehr und mehr auch von Intellektuellen, Unternehmern-, die sich dem Expansionsdrang der Familie Somoza gegenübersehen, ja sogar Teilen der Kirche unterstützt. Die nicaraguanischen Bischöfe durften z.B. ihre Neujahrsbotschaft für 1977 nicht veröffentlichen, weil sie darin den von der Regierung ausgehenden Terrorzustand im Lande anklagten.  Es mussten Genehmigungen für Gottesdienste beim Militär eingeholt werden. In besonders aufsässigen Gemeinden wurden die Kirchen gleich in Standquartiere für die Nationalgarde umgewandelt.

Durch eine Geiselnahme gelingt die Freilassung von politischen Gefangenen, die Weltöffentlichkeit hat mittlerweile auch bemerkt, was da in Mittelamerika los ist und nicht zuletzt dadurch wird ein erneutes Eingreifen der USA zugunsten der Marionettenregierung verhindert, die noch mit Massakern an der Bevölkerung versucht hat, sich an der Macht zu halten. 1979 ist es dann so weit, dass sich die Nationalgarde angesichts der militärischen und auch moralischen Überlegenheit der FSNL auflöst. Und Somoza,  flieht mit seiner Familie und dem Generalstab nach Miami. ( wo er später auf offener Strasse erschossen wurde).

Meine Begegnung mit Nicaragua

Ernesto Cardenal, Sohn einer einflussreichen nicaraguanischen Familie, der lange Jahre in den USA als Mönch gelebt hatte, hatte auf der Inselgruppe Solentiname im Großen See eine Gemeinde übernommen und durch Bibelübersetzungen und Psalmenübertragungen literarische Aufmerksamkeit erregt. Auch meine Aufmerksamkeit im Rahmen meines damaligen Theologiestudiums. Er ließ die Bauern und Fischer die Bibeltexte interpretieren und veröffentlichte diese als „Evangelium von Solentiname. Nachdem die Nationalgarde Somozas auch seine Gemeinde verwüstet hatte, bekannte er sich offen zum Widerstand. Ernesto Cardenal wurde zum Kulturminister der neuen Regierung und kam 1979 nach Bonn gerade zu der Zeit, als wir im Baumhaus eine Ausstellung mit Naiver Malerei aus Solentiname durchführten.

In den folgenden Jahren sammelten wir Geld, um damit eine Druckwerkstatt für nicaraguanische Künstler auszurüsten und Künstler in diesen für sie neuen Techniken auszubilden.
Cardenal und Dietmar Schönherr hatten den Plan, ein altes Gebäude in der Stadt Granada als Kulturzentrum einzurichten. Sie nannten das Haus, Casa de los tres Mundos, „Haus der drei Welten“. Als ich 1989 mit der Druckwerkstatt dort eintraf, um die ersten Kurse für nicaraguanische Künstler durchzuführen, machte ich die erste Begegnung mit den Petroglyphen.

Wir waren mit mehreren ausländischen Mitarbeitern von Hilfsorganisationen zu einem Wochenendausflug mit einem Segelboot auf dem Großen See von Nicaragua unterwegs.

Die Insel El Muerto und ihr Schatz - die Petroglyphen

Sie können sich das gar nicht paradiesisch genug vorstellen.  Gleich vor der Stadt Granada liegen über dreihundert Inseln – wahrscheinlich Überbleibsel eines gewaltigen Vulkanausbruchs im See, voll von tropischer Fülle, Affen und Kindergeschrei, dann zwei Stunden weiter, die Insel Zapatera, auf dessen Kultplätzen man von 100 Jahren riesige Steinfiguren gefunden hatte und eine kleine Insel, zu der man nur vom Boot aus schwimmend gelangen konnte: El Muerto. 1000 Meter im Durchmesser, 100 Meter die Kuppe über dem Wasser.

Wir schwammen also, die Haifische waren gerade in einem anderen Teil des Sees unterwegs, und hatten nichts mitgenommen als unsere Badehosen, als wir die Kuppe der Insel betraten. Ein Felsplateau übersäht mit Zeichnungen. Menschendarstellungen, Vögel, Affen, Ornamente, rätselhafte faustgroße Vertiefungen im Fels, von uns gleich als Opferplätze gedeutet.

So muss es jemandem gehen, der eine prähistorische Höhle mit nie gesehenen Malereien entdeckt.

Drei Jahre später bin ich wieder, diesmal mit Papier und Leinwand, mit Fotoapparat und festen Schuhen auf die Insel zurückgekehrt.

Von dieser Reise entstand ein kleiner Katalog .

Petroglyphen - ein Wortbildung aus petros der Fels, Glyphe die Zeichnung in ihrer ursprünglichen Form

Ich bin in der Zwischenzeit immer wieder in Nicaragua gewesen und habe in verschiedenen Landesteilen Petroglyphen auf Tücher und Papier übertragen. Zuletzt vor drei Jahren. Da entstand eine große Frottage. Sie befindet sich auf El Muerto. Ein geheimer Platz, der mir von einem japanischen Künstler, der an einem meiner Grafikseminare teilgenommen hatte gezeigt wurde. Zwischen zwei indianischen Hügelgräbern – das eine geplündert, das zweite noch unberührt, auf keiner Karte verzeichnet, ist diese Felsplatte unter einer Schicht von Erde und Blättern verborgen. Wir legten die Zeichnung frei, vorsichtig mit Reisigbesen und ohne sie zu berühren und ich zeichnete mit Stiften den Spuren nach. Nach der Arbeit haben wir sie natürlich wieder zugedeckt.

Es gibt Petroglyphen  - petros der Fels, Glyphe die Zeichnung in ihrer ursprünglichen Form -, denen habe ich nichts hinzugefügt. Mit  anderen bin ich im Atelier noch in einen künstlerischen Dialog getreten. Ich habe mich hierbei von den Originalspuren zu einer Malerei hinbewegt, die aus den Zeichen ein Bild macht. Eine künstlerische Zusammenarbeit sozusagen über die Jahrhunderte.

Was wollen uns die Petroglyphen sagen?

Was wollen uns die Petroglyphen sagen?  Wir wissen es natürlich nicht, denn niemand kann es uns erklären. Es gibt dazu eine kleine Geschichte: Der Schwiegervater von Ferando Lopez, Fernando Lopez ist der Künstler, den ich 1989 für drei Monate im Baumhaus als Druckwerkstattleiter ausgebildet habe und der mittlerweile der stellvertretende Direktor der Casa de los tres Mundos ist – der Schwiegervater also war ein Ethnologe. Und er berichtet in einem seiner Bücher, dass er einmal auf der Insel zapatera gewesen sei und sich dort mit einem alten Indio über die Petroglyphen unterhalten habe. Er habe ihm alles erklärt, die Bedeutung jeder Einzelheit, dann sei er, Carlos Bravo, so hieß er, schnell zum Boot um sich etwas zu schreiben zu holen und zu dem Indio zurückgekehrt mit der Bitte, seine Erklärung noch einmal zu wiederholen, damit er es übersetzten könnte. Darauf habe der gesagt: das Mysterium wiederholt man nicht – und man schreibt es auch nicht auf und übersetzten erst recht nicht!. Bravo hat sich seinerseits daran gehalten. Kurz vor seinem Tod habe ich ihn kennengelernt, aber es war auch vor meiner Begegnung mit den Petroglyphen, also haben wir auch nicht darüber gesprochen, ja, ehrlich gesagt, hatte ich in dem Moment überhaupt keine Ahnung, wem ich da gegenübersaß.

Mittlerweile weiß man etwas mehr, vor allem durch Vergleiche mit Keramik und archäologische wissenschaftliche Methoden. Es gibt auch jetzt zumindest einen nicaraguanischen Archäologen. ( Der lebt allerdings – so meine letzte Information-  in Paris ).

Aber er hat immerhin 400 archäologische Plätze ausgemacht und katalogisiert, an 100 von diesen Orten wurden bisher insgesamt über 3000 Petroglyphen gefunden.

Die erste Veröffentlichung überhaupt stammt von einem nordamerikanischen Journalisten aus dem Jahr 1852. Ende des 19. Jahrhunderts berichtet Earl Flint, von Steinritzungen, Earl Flint sollte für das Peabodymuseum in Harvard Antiquitäten aquirieren. Die Felsen waren wohl Gott sei dank zu schwer zum Transport.

Eine Handvoll Fachleute, meist Theologen und selfmade-archäologen also Amateure im besten Sinne des Wortes, haben sich bisher mit den Petroglyphen beschäftigt.

Es ist zu hoffen, dass sich die Kenntnisse noch vertiefen, bevor die Bilder selbst durch Erosion, Vulkanismus, Erdbeben und Vandalismus  für immer verloren gehen.

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hbl 28.06.2008


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