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ESSSAT 07: Prof. Dr. Gunter M. Schütz, Jülich

Warum Intelligent Design kein wissenschaftlicher Ansatz ist -

und was wir daraus über Evolutionstheorie lernen können

Zusammenfassung: Die Hypothese des ``Intelligent Design'' versucht den Informationsgehalt natürlicher biologischer Strukturen durch einen gelenkten Entwicklungsprozess zu erklären, in dem eine nichtmaterielle Intelligenz in bestimmten Stadien zielgerichtet Information hat einfließen lassen. Ein entscheidendes Problem dieser Hypothese ist die Undurchführbarkeit einer wissenschaftlichen Theoriebildung aufgrund der empirischen Unzulänglichkeit des Zentralbegriffs der "spezifizierten komplexen Information'' und der tautologischen Natur der postulierten `"irreduziblen Komplexität''. Ein weiterer gravierender Mangel von ID ist die Inkohärenz der Hypothese des Informationstransfers als kausale Kategorie neben Zufall und Naturgesetz. ID ist also kein wissenschaftlich vertretbarer Ansatz, die Gründe dafür sind aber teilweise subtil und verwandte wissenschaftstheoretische Probleme berühren auch die Evolutionstheorie.

1 Intelligent Design

1.1 Der Grundgedanke von ID

Man stelle sich das folgende vielleicht etwas skurril anmutende Gedankenexperiment vor. Der amerikanische Marsroboter findet im Sand des roten Planeten zwar keine primitive marsianische Lebensform, gräbt aber dafür eine Uhr aus, die in keiner gebräuchlichen Zeiteinheit und nach keinem bekannten technischen Funktionsprinzip operiert. Welche Schlussfolgerung würde man aus dem Fund ziehen? Zieht man in Betracht, daß es bisher keinen menschlichen Besuch auf dem Mars gab, wäre man genötigt, die Existenz von außerirdischer Intelligenz anzunehmen, die irgendwann auf dem Mars anwesend war. Niemand käme auf den Gedanken, daß eine Uhr durch zufällige chemische Prozesse über Jahrmilliarden hinweg im Marssand entstanden sein könnte.

Warum eigentlich nicht? Fände man ein eindeutig nichtirdisches Bakterium, das den rauhen klimatischen Bedingungen auf dem Mars trotzen könnte, würde man genau eine solche zufällige Entstehung vermuten, obwohl ein Bakterium ein unermeßlich viel komplexerer Apparat ist als eine Uhr. Hinter einer Uhr steht eindeutig ein Uhrmacher, der mit seiner Intelligenz und seinen technischen Möglichkeiten die Uhr konzipiert und konstruiert hat.
Sollte die gleiche Schlußfolgerung also nicht um so mehr für das noch komplexere und mindestens ebenso funktionale marsianische Bakterium gelten? Und warum dann nicht für die keinesfalls hypothetischen, sondern höchst realen irdischen Bakterien die an Komplexität alle bisher gebauten technischen Geräte weit übertreffen?

So oder so ähnlich könnte ein Aufsatz beginnen, dessen Autor vom Konzept des Intelligent Design (ID) als Erklärung für die Komplexität irdischen Lebens überzeugt ist. Der Ausgangspunkt von ID ist die schon von Manfred Eigen gestellte brennende Frage, wie überaus komplexe Strukturen mit einem hohen Informationsgehalt durch ungelenkte natürliche Prozesse entstehen können. Um auf dieses Problem eine Antwort zu geben, hat sich in den USA in den letzten 10-15 Jahren die Intelligent-Design-Bewegung formiert, die den Anspruch erhebt, ein Gedankengebäude entwickelt zu haben, das den Status einer
wissenschaftlichen Theorie hat.

Die Antwort, die die ID-Vertreter auf die Frage nach der Entstehung von Information geben, ist das planvolle Einwirken einer nichtimmanenten Intelligenz auf natürliches Entwicklungsgeschehen. Meilensteine der ID-Bewegung mit durchschlagendem Erfolg in weiten Kreisen der amerikanischen christlichen Öffentlichkeit sind drei vielbeachtete Publikationen, nämlich des Juristen Philipp Johnson, (Darwin on Trial, 1991), des Biochemikers Michael Behe (Darwin's Black Box, 1996) und von William A. Dembski (The Design Inference: Eliminating Chance Through Small Probabilities, 1998), der in Mathematik und Philosophie promovierte und jetzt an einem baptistischen theologischen Seminar lehrt.

Der wissenschaftliche Anspruch, den die ID-Bewegung erhebt, gründet sich auf drei zentrale Behauptungen, nämlich erstens, daß ID empirisch durch das Aufspüren ``spezifizierter komplexer Information'' (Dembski) nachweisbar, also meßbar, sei; zweitens der Unmöglichkeit der Entstehung solcher Information allein durch das natürliche Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit; und drittens dem Vorhandensein solcher Information in biologischen Systemen von sogenannter ``irreduzibler Komplexität'' (Behe). Daraus wird dann scheinbar wissenschaftlich zwingend auf einen intelligenten Planer geschlossen, der diese Information in den Prozess der Entwicklung irreduzibel komplexer Strukturen hat einfließen lassen. In der Tat, akzeptiert man die drei Prämissen, ist die Folgerung zwingend.

1.2 Spezifizierte komplexe Information

Der Begriff der spezifizierten komplexen Information wurde von Dembski zur Quantifizierung des Maßes von intelligenter Planung oder, genauer gesagt, Information in das ID-Konzept eingebracht. Als Maß von Information I(E) eines Ereignisses E (wie dem Resultat eines Münzwurfs, dem Vorliegen eines geschriebenen Textes oder dem Vorhandensein einer Uhr) wird der negative Logarithmus der Wahrscheinlichkeit p(E) dieses Ereignisses betrachtet. Dieser wissenschaftlich wohletablierte Informationsbegriff geht auf Shannon zurück. Die Maßeinheit der Information ist das bit. Ein Ereignis E trägt 1 bit Information, wenn die Wahrscheinlichkeit p(E)=1/2 ist. Ein Beispiel für den Informationsgehalt von 1 bit ist das Resultat Kopf oder Zahl eines Münzwurfs.

Unter spezifizierter Information versteht Dembski den Fall, daß das Ereignis E unabhängig an anderer Stelle vorkommt und eine bestimmte, spezifizierte Rolle spielt. Ein Beispiel ist die Buchstabenfolge B,u,c,h,s,t,a,b, und e. Eine zufällig getippte Buchstabenfolge, z.B. sujnvdaer, wäre dagegen keine spezifizierte Information, obwohl die Wahrscheinlichkeit für beide Ereignisse bei zufälliger Wahl von 9 Zeichen auf derselben Computertastatur
dieselbe wäre! Die kontextuelle Funktion der Folge ``Buchstabenfolge''  als Begriff der deutschen Sprache geht also ohne Spezifikation nicht in den Informationsgehalt ein. Berücksichtigung dieser Funktion macht die gegebene Information aber zu ``spezifizierter Information'' und impliziert höheren Informationsgehalt, da aus der Menge aller möglichen kontingenten Ereignisse eine bestimmte kleine Teilmenge herausgegriffen (spezifiziert) wird. Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Ereignisses aus einer kleinen Teilmenge ist natürlich kleiner, als für das Eintreten eines Ereignisses aus einer großen Teilmenge aller möglichen Ereignisse.

Spezifizierte Information ist nach Dembski schließlich ``komplex'', wenn sie einen bestimmten Schwellwert (in bit) überschreitet. Dembski wählt den Wert, der einer verschwindend kleinen Wahrscheinlichkeit von a = 10-150 entspricht und nennt ihn universal probability bound (UPB). Dies entspricht ungefähr der Wahrscheinlichkeit, in 498 Münzwürfen immer eine 1 zu werfen, also 498 bit Information. In einer 8-Bit-Kodierung kann man damit einen Text mit ca. 62 Zeichen spezifizieren, also eine knappe Textzeile normaler Länge. Dieser Schwellwert ist in gewissen Grenzen willkürlich kann auch anders gewählt werden. Solange er ungefähr genauso groß ist, bleibt die Diskussion um ID von der genauen Wahl dieses Schwellwertes unberührt.

1.3 Informationserhaltung

Damit ist Dembskis Zentralbegriff bis auf die kontextabhängige Spezifikation präzise definiert. Jetzt stellt sich Frage nach dem Ursprung von Information, also nach den Mechanismen, die die Ereignisse erzeugen, deren Informationsgehalt man bestimmen will. Zur Behandlung dieser Frage unterscheidet Dembski deterministische Naturgesetze und Zufall und argumentiert, daß durch deterministische Gesetze Information erhalten bleibt,
weil die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses 1 ist und deshalb jegliche Information, die man einem deterministischen Ereignis zuordnen kann, nur in seiner kontingenten Anfangsbedingung liegen kann.

Zufall kann nach Dembski zwar komplexe spezifizierte Information vernichten, aber keinesfalls erzeugen. Es ist in der Tat richtig, dass kein Naturwissenschaftler damit rechnen würde, daß ein Ereignis mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 10-150 je beobachtet werden kann.

Er postuliert also ein Gesetz von der Erhaltung spezifizierter komplexer Information, d.h. in einem geschlossenen System kann eine deterministische oder stochastische Dynamik spezifizierte komplexe Information zwar transportieren oder durch Zufallsprozesse vernichten, aber nicht erzeugen. Daraus schließt Dembski, daß es zur Erklärung von beobachtbaren Ereignissen spezifizierter Komplexität neben Zufall und Naturgesetz einer dritten Kausalkategorie bedarf, eben intelligentes Design durch eine externe Quelle von Information. Das klassische argument from design bekommt im Prinzip eine empirische
und begrifflich wohldefinierte Basis. Die Uhr auf dem Mars ist ein Beispiel für die Anwendung dieser Argumentation.

1.4 Irreduzible Komplexität

Der zweite Hauptbegriff der ID-Bewegung, die von Michael Behe eingeführte irreduzible Komplexität, versucht nun die Brücke von technischen Gegenständen, wo der Begriff des ID kaum problematisch erscheint, zur belebten Natur zu schlagen. Behe geht von der Beobachtung aus, daß biologische Gesamtheiten wie einzelne Zellen nicht nur strukturell komplex und funktional sind (wie für spezifizierte komplexe Information erforderlich), sondern oft auch irreduzibel. Damit ist gemeint, daß das Herausnehmen eines Elementes der Gesamtheit zum Zusammenbruch der Funktion des Ganzen führt, ähnlich wie bei einer gewöhnlichen einfachen Mausefalle, bei der jedes Bauelement erforderlich ist, um ihre Funktion zu gewährleisten.

In biologischen Systemen gibt es unbestrittenermaßen überraschend viele Analogien zu technischen Geräten. Als Beispiel führt Behe den Antriebsmechanismus von Kolibakterien an, die sogenannte Geißel. Hier wirken winzig kleine Teile zusammen, die die Funktionen von Propeller, Drehmotor, Drehlager, Energieversorgung etc. erfüllen und in ihrer Gesamtheit ein sehr komplexes Antriebssystem bilden. Wenn eines dieser Teile defekt ist, funktioniert die Geißel nicht mehr, sie also irreduzibel komplex.

Nun ist keines dieser Teile für sich genommen sinnvoll, d.h. es übt keine Funktion aus, die in irgendeiner Form für die Vermehrung des Bakteriums nützlich wäre. Für die Evolutionsbiologie entsteht dadurch ein doppeltes Problem: Einerseits gäbe es keinen Selektionsvorteil für das schrittweise Entstehen der Einzelteile der Geißel durch kleine Mutationen, weil sie für sich genommen nicht vorteilhaft sind. Andererseits erscheint die zufällige gleichzeitige Entstehung aller Teile im erforderlichen Endzustand so unwahrscheinlich, daß man daran genauso wenig glauben mag, wie an das zufällige Entstehen einer Uhr. Vertreter der ID-Bewegung sehen hier spezifizierte komplexe Information und schließen deshalb auf einen intelligenten Planer, der eine Blaupause entworfen hat und auf nicht näher bestimmte Weise die Entstehung der Geißel bewirkt hat.

1.5 Der Stein des Anstoßes

Vieles von dem bisher vorgetragenen wirkt altbekannt aus Kreationismusdebatten der vergangenen Jahrzehnte. Wir halten aber  fest, daß das ID-Konzept als wesentliche Neuheit ein empirisches und quantitatives Kriterium einführt und zudem ganz ohne 6-Tage-Kreationismus auskommt. Sowohl Dembksi als auch Behe gehen vom gegenwärtig akzeptierten Alter des Universums von ca. 13,7 Milliarden Jahren aus. Die Probleme mit ID liegen nicht an dieser Stelle.

ID ist ein Alternativmodell zur ``blinden'' Evolution mit einem Entwicklungsgedanken, in dem teleologische Motive sich zu einer causa efficiens transformieren. In dieser methodischen Vorentscheidung liegt der Kernwiderspruch zum etablierten wissenschaftlichen Vorgehen. Das wissenschaftshistorisch außerordentlich wohlbegründete zentrale Dogma heutiger Naturwissenschaft besagt, daß im Universum mit den uns bekannten zeitlich rückwärtskausalen Grundgesetzen und seinen Materialien die Möglichkeit der Entstehung von Leben angelegt ist. Die gelegentlich vorkommende Rede von einer causa finalis ist auf die Funktionsebene organischer Strukturen beschränkt. Darüber hinaus ist sie bloße Metapher zur Beschreibung komplexer physikalischer Prozesse.

Mehr noch, ID reklamiert empirische Evidenz für nichtmenschliche Intelligenz, jedoch nicht in Form einer Zivilisation auf fremden Planeten, sondern als ungeheuer mächtiges Wesen, das den Entwicklungsprozess des irdischen Lebens steuern kann. Hierin liegt zweifellos eine Kränkung des modernen Menschen, der sich zwar lange nicht mehr als Krone der Schöpfung oder Mittelpunkt des Universums sieht, wohl aber – unter den Bedingungen der Naturgesetze und der daraus hervorgehenden sozialen Ordnung – als Herr seines Geschicks.

2 Unhaltbarkeit von ID als theoriebildende Hypothese

2.1 Die Problematik der Messung spezifizierter komplexer Information

Ein Widerspruch zum etablierten zentralen Dogma ist nicht per se inakzeptabel. Wenn ein Erkenntnisgewinn damit verbunden wäre, könnte eine äußerst fruchtbare wissenschaftliche Revolution die Folge sein. Die Hoffnung, dass ID dies leisten könnte, erweist sich allerdings als gänzlich unbegründet.

Um die Haltlosigkeit des wissenschaftlichen Anspruches von ID zu demonstrieren, betonen wir zunächst, daß empirische Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen überhaupt nur definiert sind, wenn ein Zufallsprozess genau beschrieben wird, der diese Ereignisse erzeugt. Dies ist z.B. bei binären Zahlenfolgen gegeben, wenn angenommen wird, daß sie durch einen Prozess erzeugt werden, in dem unabhängig von den vorangegangenen Zahlen jedesmal mit derselben Wahrscheinlichkeit eine 0 oder eine 1 erzeugt wird. Eine gute Realisierung dieser Annahme ist die unkorrelierte stochastische Dynamik eines Münzwurfs.

Sehr viel anders sieht es jedoch bei biologischen Systemen aus. Hier handelt es sich um Systeme fern vom thermischen Gleichgewicht. Die Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Endzustandes ist dann prinzipiell nur möglich, wenn die dynamischen Regeln, nach denen sich das System entwickelt, der Anfangszustand und die äußeren Randbedingungen extrem detailliert bekannt sind. Komplexe biochemische Vorgänge sind aber nicht annähernd so umfassend verstanden, daß Wahrscheinlichkeiten auch nur grob abgeschätzt werden könnten. Daher kann der mathematische Informationsgehalt einer DNA oder einer intuitiv hochkomplexen biologischen Maschine wie die Geißel gar nicht angegeben werden. Wenn Dembski die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung einer Geißel aus dem zufälligen Kombinieren von einzelnen Molekülen durch unabhängige gleichverteilte Ereignisse bestimmt, ist dies unwissenschaftlicher Unfug, denn der Prozess der Entstehung der Geißel, ist natürlich nicht das unkorrelierte Durcheinanderrühren von Makromolekülen, die die Berechnung Dembski’s  voraussetzt.

Die in der ID-Literatur gefeierte Rigorosität des Dembskischen ID-Kriteriums ist demnach rein formaler Natur. Die Voraussetzungen, auf denen eine sinnvolle Anwendung dieses Begriffs ruht, sind im Bereich biologischer Evolution nicht gegeben. Dem Begriff der spezifizierten komplexen Information, bezogen auf die Evolution biologischer Systeme, fehlt die empirische Basis. Im Gegenteil, das wohlbekannte Phänomen der evolutionären Konvergenz läßt vermuten, daß vielfach Evolutionswahrscheinlichkeiten gar nicht besonders klein sind und dementsprechend der mathematische Informationsgewinn bei der Entstehung mancher komplexer Strukturen gar nicht besonders hoch ist.

2.2 Erhaltung spezifizierter komplexer Information?

Es ist nicht einmal möglich, aus der Natur einer Dynamik, also ob sie zufällig oder strikt gesetzmäßig ist, allgemeine Schlußfolgerungen auf die Entstehung und Erhaltung von Information zu ziehen. Sowohl rein deterministische wie auch überwiegend stochastische Vielteilchensysteme können spezifizierte Information beliebiger Komplexität erzeugen und schon kleine Änderungen der  Dynamik können zu einer großen qualitativen Änderung des Informationstransports führen. Dies läßt sich an Modellsystemen explizit demonstrieren, für die die gesuchten Wahrscheinlichkeiten ausnahmsweise mit Hilfe von Methoden der statistischen Physik und der Wahrscheinlichkeitstheorie exakt berechnet werden können (G.M. Schütz, Evangelium und Wissenschaft 28(1), 2007). Es gibt keine einfache Regel, nach der man bestimmen kann, unter welchen speziellen Bedingungen Dembski's Erhaltungsregel vielleicht doch gelten könnte. Die Details realer Dynamiken von biochemischen Systemen sind zu undurchschaubar, als daß einfache und generelle Antworten auf so eine Frage erwartet werden können.

Die Grundfrage zur Entstehung von Information lautet: Ist im Universum mit den uns bekannten Grundgesetzen und Materialen die Möglichkeit der Entstehung von Leben angelegt oder nicht? Zur Beantwortung dieser Frage können Dembski’s Begriffsbildungen und Postulate, die zwei der drei Prämissen von ID konstituieren, keinen Beitrag leisten, weil sie nicht anwendbar sind.

2.3 Die Tautologie der irreduziblen Komplexität

Beim Motiv der irreduziblen Komplexität, dem dritten Stützpfeiler von ID, entsteht ein Problem schon auf der rein begrifflichen Ebene. Unter dem Gesichtspunkt eines entwicklungsgeschichtlichen Geschehens haben sowohl ``Irreduzibilität'' als auch die in der Komplexität implizierte ``Spezifikation" tautologische Züge.

Untersuchen wir dieses Problem am Beispiel der Geißel. Ohne Zweifel ist die Funktion eines Antriebs eine unabhängig vom Kolibakterium existierende Spezifikation. Dennoch können wir nicht behaupten, dass entwicklungsgeschichtlich, also als evolutionärer Prozess, eine Spezifikation vorliegt. Denn anstatt einen Antrieb auszubilden, hätte die Evolution in andere Richtungen gehen können. Spezifikation wird a posteriori in das konkret vorliegende Evolutionsgeschehen hineingelegt. Mathematisch führt dies zu einer nutzlosen oberen Schranke für den Informationsgehalt eines Ereignisses.

Auch Irreduzibilität enthält unter Entwicklungsgesichtspunkten ein tautologisches Moment. Hinsichtlich der Funktion des Antriebs ist die Geißel wohl irreduzibel. Jedoch wissen wir nicht, ob die einzelnen Bestandteile entwicklungsgeschichtlich vor ihrem Zusammenwirken als Geißel nicht möglicherweise eine andere Funktion innehatten, die ihre Entwicklung begünstigt haben. Die postulierte Irreduzibilität der Geißel wird also tautologisch, weil sie sich lediglich auf die derzeit ausgeübte Funktion der Einzelteile bezieht.

Dieser Einwand ist keinesfalls ein rein formallogisches Argument. Es gibt vielfältige konkrete Evidenz dafür, daß Bauteile, die ursprünglich für eine bestimmte jetzt vorliegende Funktion nicht wesentlich waren, durch Veränderung anderer Teile auf einmal wesentlich werden, so dass man auf dieses Teil dann nicht mehr verzichten kann. Die Blutgerinnungskaskade mit ihren mehr als 10 Proteinen, auch von Behe als Beispiel für irreduzible Komplexität angeführt, ist wahrscheinlich auf diese Weise aus einem einfacheren Vorläufer entstanden.

2.4 Bewährung, Falsifizierbarkeit und Kohärenz

Im Unterschied zum 6-Tage-Kreationismus ist ID im Prinzip falsifizierbar: Ließen sich scheinbar irreduzibel komplexe Systeme tatsächlich im Labor durch Evolutionsprozesse erzeugen, wäre ID falsifiziert. ID kann sich allerdings nicht bewähren, da die erforderlichen Wahrscheinlichkeiten nicht abschätzbar sind. Selbst das Scheitern eines Laborexperimentes zur Selbstorganisation hochkomplexer Strukturen würde ID nicht stützen.

Nun ist allerdings die Evolutionstheorie in dieser formalen wissenschaftstheoretischen Hinsicht ID nur eingeschränkt überlegen. In der Frage nach der evolutionären Selbstorganisation komplexer Strukturen die Evolutionstheorie hat sich bisher nicht befriedigend bewährt. Sie ist auch nicht quantitativ in dem Sinne, dass aus den ihr zugrundeliegenden Mechanismen berechnet werden könnte, wieviel Zeit zur Entstehung der jetzigen biologischen Komplexität und Vielfalt erforderlich war und in welche Richtung Evolution weiter gehen wird. Schließlich hat das oben diskutierte zentrale Dogma, daß im Universum mit den uns bekannten Grundgesetzen und Materialien die Möglichkeit der Entstehung von Leben angelegt ist, klare metaphysische Untertöne: Es ist in einem engen logischen Sinn weder beweisbar noch widerlegbar, denn schon die empirische Methode der Wiederholbarkeit setzt die Gültigkeit des Dogmas voraus. ID und Evolutionstheorie haben gemeinsame wissenschaftstheoretische Schwachstellen.

Dennoch wird das zentrale Dogma mit gutem Grund von der scientific community akzeptiert. Es ist ein außerordentlich gut und ständig bestätigtes Erfahrungsurteil. In nur wenigen hundert Jahren menschlicher Kulturgeschichte enstand eine hochtechnisierte Zivilisation, die ihre technischen Geräte von Kühlschrank bis zum Kernspintomographen auf der Basis dieser Auffassung entwickelt hat. Das zentrale Dogma bewährt sich in konkreter Form in der Anwendung spezifischer Theorien tagtäglich also sogar quantitativ myriadenfach und dieselben wissenschaftlichen Prinzipien, nach denen technische Geräte entwickelt wurden, erklären biologische Evolution und die Entstehung des Universums aus beobachtbaren Fakten. Diese Erfahrung und der immer weiter gehende technische Fortschritt sind massive Faktoren, die uns vermuten lassen, daß auch bisher unverstandene Phänomene wie die Evolution komplexer biologischer Strukturen mit den gleichen Naturgesetzen verstanden werden kann, wie das Funktionieren technischer Geräte.

Die philosophische Reflexion dieser Überzeugungskraft führt zum Begriff der Kohärenz als Wahrheitskriterium für ein Aussagensystem. Die Grundidee der Kohärenztheorie besteht darin, daß eine Überzeugung dann als gerechtfertigt gilt, wenn sie als Bestandteil eines Überzeugungssystems aufgewiesen werden kann, in dem der Wahrheitsstatus aller Grundaussagen durch Implikationen zusammenhängt. Die rein logische Widerspruchsfreiheit einer Aussage zu generell akzeptierten Grundannahmen konstituiert noch keine Plausibilität für die Wahrheit einer solchen Aussage.

Das zentrale Dogma liefert eine kohärente Beschreibung der naturwissenschaftlich erfassten Wirklichkeit. Die Beschreibung ist kausal zeitlich rückwärts gerichtet und letztendlich auf quantenmechanische Zufälligkeit zurückführbar. Inhaltlich umfasst diese Beschreibung ungeheuer vielfältige, detaillierte und ohne den Evolutionsgedanken isolierte biologische, geologische und astrophysikalische Evidenz, die sich durch den Evolutionsbegriff wie Puzzleteile zu einem gewaltigen kohärenten Bild zusammenfügen. Es war Darwins große Leistung, biologische Evolution unter dem Aufgreifen von Gedanken aus Ökonomie und Geologie durch das Wirken rückwärtskausaler Mechanismen konzeptuell in kohärenter Form begreiflich zu machen. Die Grundlagen der Evolutionstheorie ererben durch diese Kohärenz ihre Bewährung aus den quantitativen Naturwissenschaften durch die Gleichartigkeit der Argumentationsschemata. So ist Evolution zwar tatsächlich keine experimentell verifizierte und quantitative Theorie, so wie es akzeptierte physikalische Theorien sind, aber dennoch ein mächtiges Aussagesystem für eine ungemein große und vielfältige Faktenbasis, das ständig neue Forschungsfragen generiert und immer wieder Bestätigung findet. Innerhalb des Gesamtsystems, dass das zentrale Dogma kohärent umfasst, werden Beobachtungen und Experimente gemacht und am Ende steht die Bestätigung, Verwerfung oder Erweiterung einer Teiltheorie, die wiederum die Auffassung von der Beschreibbarkeit der Natur durch Naturgesetze bestätigt. Das zentrale Dogma ist wissenschaftlich fruchtbar, ein Merkmal, das für Wissenschaft als erkenntniserweiternd konstitutiv ist.

Genau an diesem Kohärenzkriterium, daß das wahrheitstheoretische Bindemittel des heutigen Naturbildes ist, scheitert ID. ID-Theoretiker sehen drei ontologisch verschiedene Ursachen für die empirische Wirklichkeit: Naturgesetz, Zufall und Design. Die Hinzunahme der teleologischen Design-Kategorie ist aber unter dem Kohärenzgesichtspunkt unbefriedigend. Das Fehlen einer Wie- und Wozu-Beschreibung der Übertragung von immaterieller Information auf den materiellen Informationsträger DNA macht die Behauptung eben dieses Wirkens inkohärent, da ihr Wahrheitsstatus von keinerlei Sachaussage über das ``Wie'' empirisch nachweisbarer Wechselwirkungen berührt wird.

Entsprechend fehlt es an wissenschaftlicher Fruchtbarkeit. Das Fehlen von konkreten Wozu-Hypothesen nimmt dem ID-Konzept jede prädiktive Erklärungskraft für die empirisch zugängliche Wirklichkeit, denn es gibt keinerlei vielfältige konkrete Evidenz, die unter dem ID-Gedanken zu erwarten wäre. Auch das Fehlen einer überprüfbaren Aussage über die Art und Weise des Wirkens der postulierten externen Intelligenz führt dazu, daß ID keine Forschungsprogramme generiert.  ID ist kein Bindemittel, sondern eine Art Flicken am heutigen Naturbild, das nur einen Typus von Faktum in genereller Form und inkohärent mit allen anderen naturwissenschaftlichen Erklärungsformen erklärt, nämlich die Existenz komplexer biologischer Strukturen. ID ``erklärt’’ also ausschließlich das, wozu das Konzept überhaupt erfunden wurde. Darüber hinaus ist ID empirisch unfundiert und wissenschaftlich nutzlos.

3 Wozu ID vielleicht trotzdem nützt

Wäre ID mit der Zielsetzung entstanden, einen alternativen Ansatz zur Erklärung der Entstehung von Komplexität zu entwickeln, hätten wir höchstwahrscheinlich nie davon gehört. Der Grund für die Popularität von ID in manchen Kreisen liegt vielmehr darin, daß oft hinter Evolution in der Gestalt des Evolutionismus eine naturalistische Metaphysik steht, die in Evolution ein agnostisches oder explizit atheistisches Welterklärungsmodell sieht und propagiert. Dieser Umstand wird von Michael Ruse wissenschaftshistorisch in seinem kürzlich erschienenen Buch ``The Evolution-Creation Struggle'' (Harvard University Press, Cambridge (USA), 2005) detailliert herausgearbeitet. Er kommt zu der ebenso überraschenden wie überzeugenden Folgerung, daß Evolutionismus als Ersatzglauben geradezu religiöse Dimensionen annimmt.

In der Tat wird oftmals übergangen, daß Zufall oder Naturgesetz als ontologische Kategorien keine Fakten, sondern Interpretationen der Phänomene sind, die wir als Zufall oder Naturgesetz begrifflich kategorisieren. Diese Begriffe werden dann so verstanden, daß die Welt ein Automat ist, der ganz aus sich heraus so funktioniert, wie durch die bekannten Naturgesetze oder Gesetze des Zufalls erfolgreich beschrieben wird. Hier sind sich Kreationisten und Naturalisten einig: Dies macht nicht nur Gott als Erklärungsmodell überflüssig, sondern er wird generell denkunmöglich oder zumindest obsolet. Im Widerspruch zu dieser Metaphysik scheint eine der Kraftquellen des ID-Argumentes zu liegen.

Einem Teilanliegen der ID-Bewegung ist also unter theologischer Perspektive zuzustimmen, nicht jedoch dem eingeschlagenen Irrweg. Von theologischer Seite ist freilich die vor allem durch Karl Barth proklamierte vollständige Trennung von Theologie und Naturwissenschaft eine wenig hilfreiche Alternative zum amerikanischen Konflikt zwischen gläubigen ID-Vertretern und agnostischen Naturwissenschaftlern. Modelle der Unabhängigkeit spalten die Welt in unbefriedigender Weise in unzusammenhängende Erkenntnissphären, von denen die theologische immer in der Gefahr steht, als bloßes emergentes Epiphänomen der Selbstorganisation der Materie und damit als die Selbstbespiegelung atomarer Prozesse auf der Ebene des menschlichen Bewußtseins ihre Relevanz zu verlieren. Solche Theologie der Trennung spielt letztlich dem Konfliktmodell in die Hände.

Von daher kann die Debatte um ID durchaus befruchtend wirken, nämlich wenn sie dazu führt, sich in Abgrenzung von Extrempositionen nicht mit einfachen Erklärungsmodellen des Verhältnisses von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und christlichem Glauben zufrieden zu geben, sondern unter dem Kohärenzaspekt Alternativen des Dialogs und der Integration neu zu bedenken und zum Durchbruch zu verhelfen.


Gunter M. Schütz 01.05.2007


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